Serie
Research/ Studien
Gemessen7 Min. Lesezeit · 2026-08-20

Der Vor-Open-Push in DAX und FTSE: keine Richtungsprognose, aber ein Setup-Filter

Märkte
DAX FTSE
Zeitraum
2015–2026
Stichprobe
41.668 Episoden · 5.675 Tage
Kosten
netto, Spread + Slippage
Auf dieser Seite

Datenbasis: DAX und FTSE, 15.04.2015 – 05.06.2026, 2.851 bzw. 2.824 auswertbare Tage (M1-Daten). Push = Schluss 08:59 minus Eröffnung 08:00 Berlin, normiert auf die 20-Tage-Session-Range; Stärke als rollierende Tertile über 250 Tage, alles nur aus Vergangenheitsdaten. Teil 1 reine Preisstruktur, ohne Kosten. Teil 2: alle neun EU-Setups unserer Episoden-Basis, 41.668 Episoden, Trailing-Stop BE 0,5 / TS 1,0 / Schritt 0,5, netto nach Spread und Slippage. t-Werte über Tages-Cluster (DAX und FTSE am selben Tag sind ein Draw). Keine Handelsempfehlung.

Die Frage kam aus dem Live-Handel: Wenn die EU-Indizes in der Stunde vor dem Kassa-Open schon 50, 80 Punkte in eine Richtung gelaufen sind — folgt danach Follow-Through, oder holt der Markt den Push zurück?

Beide Antworten haben ihre Anhänger. Die Follow-Through-Fraktion sagt, der Push zeigt die Richtung des Tages. Die Retracement-Fraktion sagt, der Vor-Kassa-Handel ist dünn, und das Cash-Open korrigiert ihn. Wir haben beides gemessen — erst als Preisstruktur, dann als Filter auf echte Setup-Trades. Die Antworten fallen unterschiedlich aus, und das ist der eigentliche Befund.

1. Als Richtungsprognose: weder noch

Alle Werte in Push-Richtung signiert und in Einheiten der Session-Range (ATR). Positiv heißt Follow-Through, negativ Retracement.

Push-Stärke Markt-Tage Weiterlauf 09:00→10:00 09:00→11:00 09:00→Close
LOW (ruhig) 1.900 −0,000 (t = −0,1) −0,000 (t = −0,0) −0,003 (t = −0,2)
MID 1.875 +0,010 (t = +1,3) +0,011 (t = +1,1) −0,004 (t = −0,2)
HIGH 1.900 +0,015 (t = +1,7) +0,023 (t = +2,1) +0,026 (t = +1,4)
Top-Dezil 601 +0,024 (t = +1,3) +0,027 (t = +1,2) +0,044 (t = +1,2)

Ein einziger Wert erreicht |t| ≥ 2: die Zwei-Stunden-Drift im HIGH-Bucket. In DAX-Punkten sind das 4 bis 5 Punkte — an der Kostenschwelle. Bei rund 30 gerechneten t-Werten sind ein bis drei Treffer die Zufallserwartung. Der Top-Dezil-Bucket, der bei einem echten Effekt stärker sein müsste, ist es nicht. CAC bestätigt den Zwei-Stunden-Wert (t = 2,7 ohne Cluster), SMI nicht (t = 1,1).

Die Mechanik dahinter, HIGH-Bucket:

Kennzahl Wert
Max. Weiterlauf in Push-Richtung (Median) 0,449 ATR
Max. Gegenbewegung (Median) 0,425 ATR
Tage, die > 50 % des Pushes zurückholen 82,4 %
Tage, die den Push komplett ausradieren 68,7 %
Wettlauf: +50 % Extension vor −50 % Retracement 54,1 % / 45,7 %
Schluss in Push-Richtung 51,5 % (LOW-Bucket: 50,1 %)

Weiterlauf und Gegenbewegung sind fast symmetrisch. Zwei Drittel der Tage machen den Push vollständig rückgängig — Retracement ist die Regel. Aber die Regel sagt nichts über die Richtung danach: 51,5 % Schluss in Push-Richtung ist ein Münzwurf. Wer den Push als Tagesprognose liest, liest Rauschen.

2. Als Setup-Filter: ein anderer Befund

Jetzt dieselbe Tages-Eigenschaft auf echte Trades. Jede Episode bekommt zwei Merkmale: die Push-Stärke des Tages und ob der Trade mit oder gegen die Push-Richtung geht. Der Push ist um 09:00 abgeschlossen; alle neun EU-Setups lösen später aus.

Zelle n avgR t Δ Baseline
Baseline, alle EU-Setups 41.668 +0,122 +17,0
Push HIGH & MIT 7.194 +0,199 +6,6 +0,077
Push MID & MIT 6.988 +0,160 +5,7 +0,038
Push LOW (ruhig) 13.982 +0,106 +9,2 −0,016
Push MID & GEGEN 6.810 +0,080 +2,2 −0,042
Push HIGH & GEGEN 6.694 +0,075 +0,3 −0,046

Ein monotoner Gradient von MIT nach GEGEN, Spanne 0,124 R. Die Gegen-Zelle ist statistisch nicht von null zu trennen — nach Kosten Niemandsland. Und der MIT-Filter hebt alle neun Setups über ihre eigene Baseline, von +0,028 (das Referenzkerzen-Setup, das bereits einen eigenen Filter trägt) bis +0,206 (ein Vormittags-Fade-Setup). Im Mittel über die Setups: MIT +0,087, GEGEN −0,054.

Wie passt das zu Teil 1? Ein Tag kann in Push-Richtung schließen oder nicht — das ist der Münzwurf. Aber ein Setup-Trade lebt nicht bis zum Close; er lebt in den Stunden nach seinem Trigger mit einem Trailing-Stop. Ob der Markt in diesen Stunden sauber in eine Richtung läuft, ist eine andere Frage als wo er am Abend steht.

3. Drei Gegenkontrollen

Neun von neun Setups positiv ist zu sauber, um es ungeprüft zu glauben. Konditionierungen auf Tages-Merkmale sind in diesem Workspace schon dreimal am selben Mechanismus gestorben: „Die Setups alignen sich selbst — die Trendseite bricht zuerst."

K1 — Ist der Push nur die letzte Kerze? Die letzten zehn Minuten des Fensters (08:50–09:00) sind die Referenzkerze eines unserer Setups. Die beiden Teilstücke sind mit corr = −0,025 und 48,4 % Richtungsgleichheit unabhängig, und beide wirken einzeln: 10-Minuten-Kerze MIT Δ +0,097 (t = +8,6), frühe Stunde 08:00–08:50 MIT Δ +0,048 (t = +5,0). Bei konstant gehaltener Kerzenrichtung trägt die frühe Stunde weiter — und zwar genau dort, wo es zählt: Steht die Kerze GEGEN den Trade, hebt eine starke frühe Stunde MIT dem Trade die Zelle von +0,047 auf +0,121 (n = 3.523, t = +2,3). Steht die Kerze schon richtig, bringt sie fast nichts (Δ +0,024). Die Kerze ist der Hauptträger, die Stunde davor der Rettungsanker.

K2 — Alignen sich die Setups selbst? Long-Anteil bei Push aufwärts 55,9 %, bei Push abwärts 52,8 %, gesamt 54,6 %. Der HIGH-Bucket teilt sich 51,8 / 48,2 % in MIT und GEGEN. Die Setups triggern nicht bevorzugt in Push-Richtung — GEGEN ist keine andere Trade-Population, sondern derselbe Setup-Katalog auf der anderen Seite. Der Filter wirkt beidseitig: Long Δ +0,096 (t = +6,6), Short Δ +0,052 (t = +2,7).

K3 — Hält es in beiden Hälften? 2015–2020: MIT Δ +0,086 (t = +4,6), GEGEN Δ −0,056. 2021–2026: MIT Δ +0,067 (t = +4,7), GEGEN Δ −0,036. Pro Setup und Hälfte schlägt MIT-Push die eigene Baseline in 17 von 18 Zellen; die einzige Ausnahme ist ein einzelnes Vormittags-Breakout-Setup in der zweiten Hälfte.

4. Was daraus folgt

Zwei Messungen, zwei Antworten, kein Widerspruch. Als Prognose der Tagesrichtung ist der Vor-Open-Push wertlos — das gehört in dieselbe Reihe wie unser Befund, dass die erste Kerze den Resttag nicht vorhersagt. Als Bedingung für einen Setup-Trade ist er das Gegenteil: Der Unterschied zwischen Trades mit und gegen einen starken Push ist 0,124 R, konsistent über Setups, Richtungen und Zeithälften.

Die Lesart ist nicht „Push kaufen". Sie ist: An Tagen mit starkem Vor-Open-Push hat die Gegenrichtung keinen messbaren Erwartungswert mehr. Das ist ein Ausschluss-Kriterium — dieselbe Struktur, die wir in der Katalysator-Studie und bei der Volatilität finden: Tages-Merkmale taugen zum Wegfiltern, nicht zum Bestätigen.

Zwei Drittel des Effekts sitzen in der 10-Minuten-Kerze, die in unserem Setup-Katalog teils schon steckt. Der neue Beitrag dieser Studie ist die Stunde davor — und ihr Wert liegt genau in den Fällen, in denen die Kerze und der Trade nicht zusammenpassen.

5. Grenzen

  • In-Sample über den vollen Zeitraum. Der Hälften-Split ist Pseudo-OOS, kein Walk-Forward. Ein Effekt, der beide Hälften überlebt, ist robuster als einer, der es nicht tut — aber er wurde auf denselben Daten gefunden, auf denen er geprüft wurde.
  • Tages-Merkmal, gekoppelte Zellen. Der Push trifft alle Setups eines Tages gleichzeitig; die n-Zahlen der Zellen überschätzen die effektive Stichprobe. Deshalb zählen nur die Cluster-t-Werte.
  • Multiples Testen. 9 Setups × 6 Zellen; bei |t| ≥ 2 sind einzelne Treffer Zufall. Wir stützen uns deshalb auf die Konsistenz über Setups, nicht auf einzelne Zellen.
  • Teil 1 ohne Kosten, reine Preisstruktur. Die Vor-Kassa-Stunde ist dünner Handel mit weiteren Spreads.
  • Nicht getestet: andere Push-Fenster, Push als Größenregler statt als Ja/Nein-Filter, US-Indizes, Übertragung auf CAC/SMI als handelbare Märkte (dort nur als Gegenprobe der Preisstruktur).
  • CFD-Daten, Ende Juni 2026. Die Setup-Familie ist unsere; absolute Niveaus sind optimistisch, relative Vergleiche robust.