Datenbasis: DAX, FTSE, NQ, Dow, 2015 – 2026. Teil 1: 56.308 Episoden aus unserer Episoden-Basis, Exit Trailing-Stop BE 0,5 / TS 1,0 / Schritt 0,5, netto nach Spread und Slippage. Teil 2 und 3: 11.694 Markt-Tage und 5.390 Touch-Ereignisse auf M1-Daten, reine Preisstatistik ohne Kosten. Der Bias ist pre-open bekannt (Cash-Open gegen die Pivot-Range der Vortage), also lookahead-frei. Keine Handelsempfehlung.
Der Fisher/ACD-Bias ist eine einfache Kennzahl: Liegt das Cash-Open oberhalb der Pivot-Range des Vortages, ist der Tag +1; liegt es zusätzlich über den 3- und 7-Tages-Pivot-Ranges, ist er +2. Spiegelbildlich −1 und −2, dazwischen 0. Der Indikator ist öffentlich (TradingView, „Fisher ACD Addon"), die Box-Farbe zeigt den Zustand an.
Die Intuition dahinter klingt zwingend: Wenn der Bias auf +2 steht, will der Markt das Vortageshoch herausnehmen. Dann sollte man an so einem Tag nur Longs nehmen und Shorts weglassen. Wir haben beides gemessen — das Tagesbild und die Trade-Auswahl — und die Antworten fallen auseinander.
1. Der Bias als Trade-Filter
Jede Episode bekommt ein Alignment: Bias mal Trade-Richtung. +2 heißt voller Rückenwind (Long an einem +2-Tag), −2 voller Gegenwind. Drei Setup-Familien getrennt: die Continuation-Setups (Referenzkerzen-Farbe bestimmt die Richtung), vier Range-Breakout-Setups der Cash-Session und ein Fade-Setup am Vormittag.
| Familie | MIT Bias | GEGEN Bias | Differenz |
|---|---|---|---|
| Continuation | +0,282 (n=3.172) | +0,254 (n=2.633) | +0,028 (t = +0,7) |
| Range-Breakouts | +0,132 (n=19.213) | +0,132 (n=19.047) | −0,001 (t = −0,1) |
| Fade | +0,302 (n=2.315) | +0,233 (n=1.474) | +0,068 (t = +1,9) |
Bei den Breakouts — der mit Abstand größten Stichprobe — ist die Differenz exakt null. Die fünf Alignment-Stufen streuen zwischen +0,125 und +0,143 R, keine weicht mit |t| ≥ 0,8 vom Pool ab. Continuation und Fade zeigen die „richtige" Richtung, aber unter der Signifikanzschwelle |t| ≥ 2. Beim Fade ist zudem die Gegenwind-Zelle (−2, n=786, +0,210 R) immer noch klar positiv: Ein Filter hätte profitable Trades gestrichen.
Als Auswahlregel ist der Bias damit tot. Das ist keine Frage der Stichprobe — 38.260 Breakout-Episoden sind genug, um selbst einen Effekt von 0,03 R zu sehen.
2. Der Bias als Tagesbild
Zweite Messung, andere Frage: Berührt die heutige Cash-Session das Vortageshoch (PDH) oder das Vortagestief (PDL)? Wir zählen nur Fälle, in denen das Ziel am Open noch vor dem Preis lag — sonst wäre die Berührung eine Tautologie (ein +2-Tag öffnet oft schon über dem PDH).
| Bias | PDH berührt (wenn davor) | PDL berührt (wenn davor) |
|---|---|---|
| −2 | 13 % (n=2.277) | 69 % (n=1.315) |
| −1 | 27 % (n=1.928) | 65 % (n=1.412) |
| 0 | 37 % (n=1.730) | 37 % (n=1.730) |
| +1 | 62 % (n=1.161) | 25 % (n=1.565) |
| +2 | 69 % (n=2.402) | 15 % (n=4.194) |
Die Basisrate an neutralen Tagen ist 37 % für jede Seite. Bei Bias ±2 wird das Extrem in Bias-Richtung zu 69 % angelaufen, die Gegenseite nur zu 13–15 %. Das ist fast eine Verdopplung gegenüber der Basis und mehr als eine Halbierung auf der anderen Seite — ein reales, großes und pre-open bekanntes Tagesbild.
Zum Vergleich der Farb-Bias, den wir sonst für die Richtungswahl verwenden — die Farbe der 10-Minuten-Referenzkerze vor dem Open, hier über alle Tage:
| Referenzkerze | PDH berührt | PDL berührt |
|---|---|---|
| grün (n=5.812) | 54 % | 39 % |
| rot (n=5.871) | 49 % | 45 % |
Die Farbe ist signifikant (PDH grün gegen rot +5 pp, t = +5,4; PDL rot gegen grün +6 pp, t = +6,5), aber klein. Der Fisher-Bias trennt mit 69 gegen 15 % um ein Vielfaches schärfer. Für die Frage „welche Seite wird heute angelaufen" ist er das bessere Instrument.
3. Nach dem Touch: die Information ist verbraucht
Wenn der Bias so gut vorhersagt, dass das Extrem erreicht wird — sagt er dann auch, was danach passiert? Für jedes Touch-Ereignis (erste Berührung des Extrems in Bias-Richtung, Ziel lag am Open voraus) haben wir gemessen, ob die Session jenseits des Levels schließt, wie weit der Preis darüber hinausläuft und wie stark er zurückkommt.
| Bias | n | Close jenseits | Median Extension | Median Pullback | Pullback erste Stunde | Median Touch-Zeit |
|---|---|---|---|---|---|---|
| ±2 | 2.500 | 51 % | 0,35 % | 0,36 % | 0,19 % | 13 min |
| ±1 | 1.632 | 50 % | 0,35 % | 0,37 % | 0,20 % | 21 min |
| 0 | 1.258 | 52 % | 0,31 % | 0,30 % | 0,17 % | 104 min |
Drei Zeilen, ein Bild: Münzwurf. Durchlauf gegen Wende ist 50/50 in jedem Bias-Zustand, Extension und Pullback sind symmetrisch (0,35 gegen 0,36 %), der Stall in der ersten Stunde ist überall gleich. Der Bias enthält keine Information über Wende oder Fortsetzung und taugt weder als Take-Profit-Punkt noch als Reversal-Signal.
Die letzte Spalte erklärt, warum. An ±2-Tagen wird das Extrem im Median 13 Minuten nach dem Open erreicht — an neutralen Tagen erst nach 104 Minuten. Die Information des Bias wird mit dem Anlauf konsumiert, und der Anlauf ist praktisch sofort vorbei.
4. Warum beide Befunde zusammenpassen
Wie kann ein Bias das Tagesbild so gut treffen und für die Trade-Auswahl nichts wert sein?
Erstens, das Timing: Der Anlauf an das Extrem passiert in den ersten Minuten. Die Breakout-Setups triggern später und leben von dem, was danach kommt — und danach ist es 50/50, unabhängig vom Bias.
Zweitens, die Selbst-Ausrichtung: Ein Range-Breakout bricht zuerst auf der Seite, auf der der Druck ist. An einem +2-Tag bricht das Hoch der Referenz-Range früher als das Tief. Die Setups sind also von sich aus bereits in Bias-Richtung ausgerichtet; der Filter fügt nichts hinzu, was der Break nicht schon weiß. Richtungsinformation, die im Setup bereits steckt, ist als externer Filter redundant — dasselbe Muster, das wir bei der Long-Bias-Studie für den Langfrist-Drift gefunden haben.
5. Was daraus folgt
Der Fisher-Bias gehört auf den Chart — als Tagesbild. Er sagt, welches Vortagesextrem heute wahrscheinlich gesehen wird (69 gegen 15 %), und er sagt das vor dem Open. Das ist ein Kontext, den man haben will.
Er gehört nicht in die Setup-Logik. Weder als Auswahlregel (Δ = −0,001 R), noch als Take-Profit an dem Level (50/50 nach dem Touch), noch als Reversal-Auslöser. Wer ihn dort einbaut, filtert Rauschen und wirft dabei Trades weg, die genauso profitabel waren wie die behaltenen.
6. Grenzen
- In-Sample, keine OOS-Aufteilung. Bei einem Nullergebnis mit n = 38.260 ist das weniger kritisch als bei einem Fund — es gibt nichts, das overfitten könnte.
- Continuation ist teilredundant. Die Farb-Regel ist selbst ein Richtungsfilter; ein zusätzlicher Bias-Effekt wäre dort ohnehin schwer zu isolieren.
- Fade knapp unter der Schwelle. t = +1,9 ist keine Signifikanz, aber auch keine saubere Null. Wir behandeln es als „nicht belastbar", nicht als „widerlegt".
- Touch-Statistik ohne Kosten. Teil 2 und 3 zählen Berührungen auf M1, kein Spread, keine Slippage. Sie beschreiben Tagesstruktur, keine Handelsergebnisse.
- Bias-Definition ist unsere Nachbildung der Pine-Logik auf lokalen Kalendertagen; TradingView-Dailies können an einzelnen Tagen abweichen.