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Der Markt steigt — warum schlägt Long dann nicht Short?

2026-07-27·7 Min. Lesezeit·Timon Krüger

Datenbasis: 123.193 Episoden, 10 Märkte, 23 Setups, 05.01.2015 – 05.06.2026. Exit: Trailing-Stop BE 0,5 / TS 1,0 / Schritt 0,5, netto nach Spread und Slippage. Drift-Zerlegung auf M1-Daten, Cash-Sessions in der jeweiligen lokalen Zeitzone. Keine Handelsempfehlung.

Die Überlegung klingt zwingend. Aktienindizes steigen langfristig. Ein Long-Trade hat den Drift also im Rücken, ein Short-Trade gegen sich. Long-Setups müssten messbar besser laufen.

Tun sie nicht. Die Prämisse stimmt — der Schluss folgt nicht, und der Grund ist ein Zeitfenster-Problem, das leicht zu übersehen ist.

1. Long gegen Short, gemessen

Long minus Short je Markt

Vergleich Long Short Differenz
Gepoolt, Trailing-Exit +0,077 (n=66.289) +0,081 (n=56.904) −0,004 (t = −0,6)
Gepoolt, Halten bis Session-Ende +0,021 +0,010 +0,011 (t = +0,8)
Nur Tage, an denen beide Richtungen auslösten +0,072 (n=55.755) +0,082 (n=49.802) −0,010 (t = −1,3)

Die dritte Zeile ist der faire Vergleich. Long- und Short-Episoden sind nicht dieselben Tage — ein Aufwärtsbruch und ein Abwärtsbruch passieren unter verschiedenen Bedingungen —, die gepoolten Zahlen vergleichen also leicht unterschiedliche Grundgesamtheiten. Beschränkt man sich auf Tage, an denen derselbe Markt in beide Richtungen ausgelöst hat, fällt dieser Einwand weg. Das Ergebnis bewegt sich nicht: kein Vorteil für Long, wenn überhaupt eine Nuance zugunsten Short.

2. Die Auflösung: der Drift passiert, während man nicht handelt

Jeden Handelstag in zwei Teile zerlegen. Overnight ist Vortages-Session-Close bis nächster Session-Open — die Stunden, in denen man nur exponiert ist, wenn man die Position hält. Intraday ist Open bis Close, das Fenster, in dem ein Intraday-Setup tatsächlich lebt.

Wo der Aufwärtsdrift entsteht

Markt Overnight Intraday Gesamt Anteil Overnight
DAX +8,30 %/J +1,46 % (t = +0,4) +9,76 % 85 %
FTSE +4,03 % +1,33 % (t = +0,4) +5,35 % 75 %
NQ +11,89 % +5,88 % (t = +1,2) +17,77 % 67 %
SPX +8,45 % +4,56 % (t = +1,2) +13,01 % 65 %
DOW +6,80 % +4,13 % (t = +1,2) +10,93 % 62 %
JPN225 +11,95 % −1,28 % (t = −0,3) +10,67 % 112 %
HK50 +1,68 % −1,54 % (t = −0,3) +0,14 %

Die entscheidende Spalte ist nicht der Anteil, sondern die t-Statistik. Kein einziger Intraday-Wert ist statistisch von null unterscheidbar. Über sieben Indizes und elf Jahre ist der Open-to-Close-Drift nicht von einer Nulllinie zu trennen. Der gesamte langfristige Anstieg wird von den Gaps getragen.

Das ist keine Eigenart unserer Daten — der Overnight-Effekt ist in der akademischen Literatur gut dokumentiert. Wichtig ist hier die Konsequenz: Ein Intraday-Setup, das eine Position für ein paar Stunden innerhalb der Session hält, sitzt genau in dem Fenster, in dem der Drift fehlt.

3. Die Größenprobe

Wenn der Drift auf Intraday-Setups durchschlüge — wie groß müsste der Long-Short-Abstand dann sein? Die Einheit eines Setups ist R, definiert über die Referenzkerzen-Range. Rechnet man den Index-Drift in diese Einheit um, ergibt sich eine Obergrenze:

Markt Drift pro Tag Referenz-Range erwartetes Long−Short gemessen
DAX 0,032 % 0,156 % +0,406 R −0,011
SPX 0,040 % 0,130 % +0,609 R −0,002
NQ 0,056 % 0,190 % +0,586 R +0,036
DOW 0,036 % 0,138 % +0,516 R +0,066

Die Erwartungsspalte unterstellt eine Position über einen vollen Kalendertag und ist damit eine Obergrenze — reale Haltedauern sind Stunden. Aber der Abstand zwischen Erwartung und Messung ist keine Frage des Grades. Es kommt praktisch nichts vom Drift an.

4. Wo es Richtungsunterschiede tatsächlich gibt

Das gepoolte Nullergebnis verdeckt echte Struktur — nur nicht die, welche die Prämisse vorhersagt.

Markt Long Short Differenz
DOW +0,155 +0,090 +0,066 (t = +3,8)
NQ +0,061 +0,025 +0,036 (t = +2,1)
DAX +0,152 +0,164 −0,011 (t = −0,7)
SPX +0,045 +0,047 −0,002 (t = −0,1)
EURUSD −0,135 −0,008 −0,128 (t = −3,5)
GBPUSD −0,141 +0,050 −0,191 (t = −5,1)
JPN225 −0,191 +0,420 −0,611 (t = −10,3)

DOW ist der eine Index mit echtem Long-Vorteil — und er überlebt eine Bonferroni-Korrektur über zehn Märkte. Das ist eine reale, handelbare Asymmetrie, und sie ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Die großen negativen Zahlen zeigen in die Gegenrichtung. Auf JPN225 und den FX-Paaren ist Short klar besser. JPN225 ist dabei ein Setup- und kein Markteffekt — dort läuft nur ein einziges Setup. Aber es macht den Punkt: Würde ein allgemeiner Aufwärtsdrift die Setup-Performance treiben, fände man keine Unterschiede von −0,61 R in die andere Richtung.

5. Der Befund, der vor dem Verallgemeinern warnt

Zerlegt man die Stichprobe in Epochen, kippt das Vorzeichen:

Epoche Long Short Differenz
2015–2018 +0,020 +0,030 −0,010 (t = −0,9)
2019–2022 +0,086 +0,117 −0,031 (t = −2,6)
2023–2026 +0,129 +0,098 +0,031 (t = +2,4)

Beide signifikanten Epochen zeigen in entgegengesetzte Richtungen. Wer 2022 geschlossen hätte, „Short ist strukturell besser", und sein System darauf umgebaut hätte, wäre heute genau falsch herum positioniert.

Das ist exakt das Muster aus unserer Studie zur Edge-Persistenz: Ein Unterschied, der zwischen Perioden das Vorzeichen wechselt, ist eine frische Auffälligkeit, kein struktureller Edge. Er gehört auf nahezu null geschrumpft, nicht in eine Handelsregel.

6. Was daraus folgt

Die Prämisse „der Markt steigt" ist wahr und für die Intraday-Richtungswahl irrelevant. Der Drift ist real, kommt aber in einem Fenster an, das Intraday-Systeme nicht besetzen.

Zwei Konsequenzen, die bleiben:

Ein Long-Bias ist kein geschenkter Edge. Wer Richtungs-Bias will, muss ihn aus etwas beziehen, das im Setup selbst gemessen wird — die DOW-Asymmetrie oder eine tagesbezogene Bedingung wie die Farbe der Referenzkerze — nicht aus dem Langfristchart.

Der Drift erklärt dafür etwas anderes: warum europäische Indizes auf einen US-Nachmittagsabverkauf erst am nächsten Morgen reagieren. Der DAX schließt um 17:30 Berlin, die US-Session läuft bis 22:00. Er kann nicht einpreisen, was nach seinem eigenen Schluss passiert — also tut er es im Gap. Bei 85 % Overnight-Anteil ist dieses Gap die Stelle, an der der Index den Großteil seiner Arbeit verrichtet.

7. Grenzen

  • Beobachtend, nicht experimentell. Long- und Short-Episoden entstehen unter verschiedenen Bedingungen. Der Beide-Richtungen-Vergleich mildert das, beseitigt es aber nicht.
  • Keine Konditionierung auf Setup-Logik. Unser eigenes Continuation-Modell (grüne Referenzkerze → Long, rote → Short) schlägt eine unkonditionierte Richtungswahl; diese Studie prüft bewusst die unkonditionierte Prämisse.
  • CFD-Daten, keine Dividenden. Die Overnight-Zahlen enthalten Index-Gaps und sind deskriptiv — Overnight-Halten kostet bei CFDs Finanzierung, die hier nicht modelliert ist. Nichts in diesem Paper ist ein Argument für Overnight-Positionen.
  • Die Setup-Familie ist unsere. 23 Setups, historisch gewachsen. Relative Vergleiche sind robust, absolute Niveaus optimistisch.