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Nach dem EU-Close: Wie oft dreht ein US-Abverkauf wirklich noch?

2026-07-27·5 Min. Lesezeit·Timon Krüger

Datenbasis: NQ, SPX, DOW — M1-Daten, 05.01.2015 – 05.06.2026, 2.944 Handelstage je Index. US-Session 09:30–16:00 New York; EU-Close = 17:30 Berlin, taggenau umgerechnet (Berlin und New York wechseln die Sommerzeit an verschiedenen Tagen). Reine Preisstatistik, keine Kosten und keine Slippage modelliert. Keine Handelsempfehlung.

Europäische Indizes schließen um 17:30 Berlin — 11:30 in New York. Die US-Session läuft dann noch viereinhalb Stunden weiter. Alles, was in diesem Fenster passiert, ist für den europäischen Kassamarkt unsichtbar, bis er am nächsten Morgen ins Gap geht.

Aus dieser Asymmetrie entsteht eine wiederkehrende Hoffnung: Die USA stehen zum europäischen Schluss tief im Minus, und irgendwann muss es doch drehen. Dieses Paper misst, wie oft das tatsächlich geschieht.

1. Definitionen, weil „V-Reversal" drei verschiedene Dinge heißen kann

Der Decline wird vom US-Open bis zum EU-Close gemessen. Timons Frage bezog sich auf einen Rückgang von 1–2 % in diesem Fenster. Das Beobachtungsfenster läuft vom EU-Close bis zum US-Close.

Drei Reversal-Schwellen, von der schwächsten zur stärksten:

  • R1 — irgendeine Erholung: Die USA schließen über dem Stand zum EU-Close.
  • R2 — halbes V: Mindestens 50 % des Tagesverlusts sind zurückgeholt.
  • R3 — volles V: Die USA schließen wieder auf oder über ihrem eigenen Eröffnungskurs.

2. Die Antwort

Reversal-Quoten nach Stärke des Declines

NQ, Decline von 1–2 %: 179 von 2.944 Tagen — 6,1 % aller Handelstage.

irgendeine Erholung halbes V volles V
NQ (n=179) 45,3 % 16,2 % 7,8 %
SPX (n=85) 42,4 % 20,0 % 9,4 %
DOW (n=78) 41,0 % 16,7 % 7,7 %

Ein echtes V — zurück auf den Open — passiert an ungefähr jedem dreizehnten Tag. Selbst wenn man die Anforderung lockert und das V nur irgendwann nach dem EU-Close sichtbar werden muss, ohne bis zum Schluss zu halten, kommt man beim NQ auf gerade 13,4 %.

Bemerkenswert außerdem: R1 liegt unter der unbedingten Basisrate. Über alle Tage schließen die USA zu 56,2 % über ihrem 11:30-Stand, nach einem Decline von 1–2 % aber nur zu 45,3 %.

3. Der kontraintuitive Teil

Vergleicht man Declines mit Declines, kehrt sich die Erwartung um:

NQ irgendeine Erholung halbes V volles V
Decline 0 bis −1 % (n=1.182) 54,8 % 39,8 % 30,6 %
Decline 1–2 % (n=179) 45,3 % 16,2 % 7,8 %

Je härter der Abverkauf, desto unwahrscheinlicher die Wende — von 30,6 % hinunter auf 7,8 %. Ein starker Decline ist kein gespanntes Gummiband. Er ist ein Trendtag, und die US-Nachmittagssession setzt ihn eher fort, als dass sie ihn dreht.

Die durchschnittliche Bewegung nach dem EU-Close bestätigt das: −0,12 % an NQ-Decline-Tagen gegenüber +0,02 % über alle Tage (t = −1,6). Nicht signifikant, aber ganz sicher auch kein Aufwärts-Bias. Dasselbe Bild bei SPX (−0,18 %) und DOW (−0,18 %).

Das Muster ist über alle drei Indizes konsistent, und das zählt — drei Märkte mit derselben Rangfolge sind schwerer wegzudiskutieren als einer.

Ein Benchmark-Vorbehalt, den wir offenlegen müssen. Für R2 und R3 ist die unbedingte Basisrate „alle Tage" verzerrt und darf nicht zum Vergleich herangezogen werden. An Tagen, die im Plus schließen, fällt die 50 %-Schwelle rechnerisch unter den EU-Close-Kurs und ist damit fast automatisch erfüllt — deshalb erreichen „Plus-Tage" bei R3 satte 79 %. Gültig ist allein der Decline-gegen-Decline-Vergleich oben. Wir erwähnen es, weil der ungültige Vergleich derjenige wäre, der diese Studie deutlich beeindruckender aussehen ließe.

4. Diese Tage sind nicht gleichverteilt

Decline-Tage je Jahr

Jahr 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026
NQ-Tage 9 9 5 21 10 23 14 35 12 14 21 6

Allein 2022 steuert 35 der 179 Tage bei, dahinter 2020, 2018 und 2025. Die 6,1 % sind ein Mittelwert über Regimes, keine Konstante. In einem ruhigen Jahr kommen diese Tage kaum vor, in einem Vola-Regime häufen sie sich. Wer eine Erwartung auf die Basisrate baut, muss berücksichtigen, in welchem Regime er sich befindet.

5. Wofür das taugt

Nicht für einen Trade. Die ehrliche Lesart ist ein Prior: Wenn die USA zum europäischen Schluss 1–2 % im Minus stehen, ist der Basisfall Fortsetzung, nicht Wende — und je stärker der Decline, desto deutlicher.

Wert hat das vor allem als Verteidigung. Der Reflex, einen harten Abverkauf spät in der Session zu kaufen, weil „es immer zurückkommt", ist hier messbar falsch: Es kommt an 7,8 % dieser Tage vollständig zurück, und ausgerechnet die milderen Declines, die tatsächlich drehen, sind die, bei denen der Reflex am schwächsten ist.

6. Grenzen

  • Reine Preisstatistik. Keine Kosten, keine Slippage. Ein im Nachhinein erkanntes Reversal sagt nichts darüber, ob es handelbar war — es ist keine Einstiegsregel definiert, und ein „intraday sichtbares V" von 13,4 % ist kein Einstiegssignal.
  • Das 1–2-%-Band war vorgegeben, nicht optimiert. Das ist eine Stärke: Die Schwelle wurde nicht an die Daten angepasst. Es heißt aber auch, dass benachbarte Definitionen nicht untersucht wurden.
  • Kleines n an den Rändern. Declines stärker als −2 % gibt es an 22 Tagen (NQ), 7 (SPX) und 5 (DOW) — zu wenige für eine Aussage, weshalb sie oben ausgeschlossen sind.
  • CFD-Daten, keine Dividendenbereinigung.
  • Nicht getestet: ob news-getriebene Declines sich anders verhalten als drift-getriebene, und ob die Reversal-Quote über die hier gezeigte Häufigkeits-Häufung hinaus vom Volatilitätsregime abhängt.