Datenbasis: 4 Märkte (DAX, FTSE, NQ, Dow), sechs unserer klassischen Intraday-Setups (Breakout-Familie plus ein Fade), M15-Episoden-Basis, 05.01.2015 – 05.06.2026, 66.511 Trades an 2.949 Handelstagen. Exit: Trailing-Stop BE 0,5 / TS 1,0 / Schritt 0,5, netto nach Spread und Slippage. Kalender: US-CPI, US-PPI, FOMC-Statement-Tage, NFP (erster Freitag). „Buch-Tages-R" = Summe der R aller Trades eines Kalendertages. Keine Handelsempfehlung.
Der August 2026 hatte ein sauberes Narrativ. Eine PPI-Überraschung brachte einen Trendtag, ein In-line-CPI brachte Chop, und die Warte-Woche vor Jackson Hole war ein einziges Hin und Her. Daraus formt sich schnell eine Regel: Trendtage brauchen einen Katalysator, und Tage, an denen der Markt auf einen Termin wartet, sind Chop-Tage.
Die Regel klingt plausibel, weil sie im August dreimal gestimmt hat. Drei Beobachtungen sind kein Test. Wir haben sie über elf Jahre gegen unser komplettes Setup-Buch laufen lassen.
1. Woher kommen die großen Tage?
Die einfachste Frage zuerst: Wenn Trendtage Katalysatoren brauchen, müssten die besten Tage des Buchs gehäuft auf Event-Tage fallen.
| Gruppe | Anteil mit Event oder Vortag |
|---|---|
| Basisrate aller Handelstage | 29 % |
| Top-50-Buch-Tage | 34 % |
| Flop-50-Buch-Tage | 30 % |
Keine Anreicherung, die den Namen verdient. Von den 15 besten Tagen der elf Jahre haben elf keinen Termin im Kalender. Der drittbeste Tag (03.02.2026, +40,8 R) war eine thematische Rally ohne jeden Release. Der zweitbeste (15.01.2015, +46,3 R) trägt zwar das Label „PPI", war aber der Tag des SNB-Schocks — der Kalender-Eintrag ist Koinzidenz, nicht Ursache. Der beste Tag (05.06.2026, +56,4 R) war tatsächlich ein NFP-Tag.
Das ist das Muster: Monster-Tage sind Themen- und Flow-Tage. Terminierte Releases sind dabei, aber nicht häufiger als an jedem anderen Tag.
2. Buch-Ertrag je Kalender-Klasse
Jeder Handelstag bekommt genau eine Klasse: den Release selbst (CPI, PPI, FOMC, NFP), VORTAG (letzter Handelstag vor einem Release, selbst kein Release) oder QUIET. QUIET ist die Benchmark. Trendtag: Buch-Tages-R ≥ +5 R; Chop-Tag: ≤ −5 R.
| Klasse | Tage | R/Tag | t vs QUIET | P(Trend ≥ +5 R) | P(Chop ≤ −5 R) | Top-Dezil |
|---|---|---|---|---|---|---|
| QUIET | 2.092 | +3,03 | — | 36,5 % | 10,9 % | 9,8 % |
| VORTAG | 379 | +3,06 | +0,1 | 35,9 % | 11,1 % | 10,3 % |
| NFP | 131 | +4,56 | +2,0 | 41,2 % | 9,9 % | 16,8 % |
| CPI | 134 | +2,01 | −1,6 | 27,6 % | 16,4 % | 9,7 % |
| PPI | 136 | +2,05 | −1,5 | 26,5 % | 11,8 % | 8,1 % |
| FOMC | 90 | +1,18 | −2,8 | 25,6 % | 14,4 % | 5,6 % |
Signifikanz-Konvention: |t| ≥ 2. Zwei Klassen erreichen sie, in entgegengesetzte Richtungen. FOMC-Tage sind für das Buch tot — ein Drittel des Ertrags ruhiger Tage, halb so viele Trendtage, Top-Dezil-Quote fast halbiert. NFP ist der einzige Katalysator mit Plus: +4,56 R/Tag und eine Top-Dezil-Quote von 16,8 % gegen 9,8 %. CPI und PPI liegen dazwischen — schwächer als ruhige Tage, aber nicht belastbar unterscheidbar; CPI-Tage haben mit 16,4 % die höchste Chop-Quote aller Klassen.
3. Welche Session trägt den Effekt?
Das Tages-R mischt EU- und US-Session. Getrennt sieht man, wo die Klassen wirken:
| Klasse | EU R/Tag | t | US R/Tag | t |
|---|---|---|---|---|
| QUIET | +1,84 | — | +1,19 | — |
| VORTAG | +2,09 | +0,9 | +0,97 | −0,8 |
| NFP | +1,28 | −1,3 | +3,29 | +3,3 |
| CPI | +0,93 | −2,3 | +1,08 | −0,3 |
| PPI | +1,68 | −0,3 | +0,38 | −1,9 |
| FOMC | +1,28 | −1,1 | −0,10 | −2,9 |
Drei Befunde, die sich mechanisch erklären lassen. FOMC trifft die US-Session (−0,10 R/Tag, t = −2,9): Der Markt wartet bis 20:00 Berlin, die Setups am Nachmittag laufen in einen Markt, der sich nicht bewegen will. CPI trifft die EU-Session (+0,93, t = −2,3): Der Release um 14:30 Berlin liegt mitten im EU-Handelstag und zerlegt die Range, auf der die Vormittags-Setups aufbauen. NFP hebt die US-Session (+3,29, t = +3,3) — der einzige Release, dessen Reaktion sich bis in die Nachmittags-Setups fortsetzt.
4. Die Vortags-These stirbt
Die August-Beobachtung „Schwebe-Vortag = Chop" generalisiert nicht. VORTAG-Tage bringen +3,06 R gegen +3,03 an ruhigen Tagen (t = +0,1), Trendtag-Quote 35,9 % gegen 36,5 %, Chop-Quote 11,1 % gegen 10,9 %. Über 379 Vortage ist nichts zu sehen. Die Warte-Woche vor Jackson Hole war eine Anekdote.
5. Der Überraschungs-Proxy: die Reaktion um 14:30
Was den Kalender interessant macht, ist nicht der Termin, sondern die Überraschung. Forecast-Daten haben wir nicht mehr; als Ersatz nehmen wir die Markt-Reaktion selbst: die absolute NQ-Bewegung in den 15 Minuten nach dem Release (08:30–08:45 New York, 14:30–14:45 Berlin) an CPI-, PPI- und NFP-Tagen. Das ist lookahead-frei, weil alle unsere US-Setups frühestens ab 15:30 Berlin auslösen — die Reaktion ist zur Entry-Zeit bekannt.
| Reaktion (Median-Split, 400 Event-Tage) | n | US-Buch R/Tag | SE | P(US-Chop ≤ −3 R) |
|---|---|---|---|---|
| GROSS (> 0,151 %) | 200 | +2,07 | 0,34 | 13,5 % |
| KLEIN | 200 | +1,06 | 0,47 | 23,0 % |
| QUIET-Basis US | 2.092 | +1,19 | 0,11 | 18,9 % |
Nach Quartilen: Q1 +1,49, Q2 +0,63, Q3 +1,90, Q4 +2,24 R/Tag. Die Differenz GROSS gegen KLEIN liegt bei t ≈ 1,7 — eine Tendenz, kein harter Befund. Die Dosis-Reihe ist nicht sauber monoton (Q1 liegt über Q2). Was sich hält: Eine kleine Reaktion auf einen Release ist das schlechtere Umfeld — Chop-Quote 23 % gegen 13,5 %, und schlechter als ein Tag ganz ohne Release.
6. Was daraus folgt
Der Kalender ist ein Ausschluss-Werkzeug, kein Einsammel-Werkzeug. Wer auf Event-Tage wartet, um Trendtage zu fangen, wartet auf das Falsche: 66 % der besten Tage haben keinen Termin. Was der Kalender zuverlässig liefert, ist die Gegenrichtung — FOMC-Nachmittage und CPI-Vormittage sind messbar schlechtere Umgebungen für unsere Setup-Familie.
Das deckt sich mit unserem Regime-Befund in der Volatilitäts-Studie: Die Bedingungen für Trendtage sind Zustandsgrößen des Marktes (Volatilität, Flow), keine Termine. Terminierte Releases erzeugen Volatilität nur, wenn sie überraschen — und ob sie das tun, sieht man erst an der Reaktion, nicht am Kalender.
Was wir aus dieser Studie als Kandidaten mitnehmen, ist nicht „an Event-Tagen handeln", sondern: an FOMC-Tagen die US-Session drosseln, an CPI-Tagen die EU-Range nicht als Referenz vertrauen, und eine Mini-Reaktion um 14:45 als Warnsignal für den US-Nachmittag lesen. Alle drei sind Ausschlüsse.
7. Grenzen
- In-Sample über den vollen Zeitraum, kein Walk-Forward. Die Klassen-Zellen mit n = 90 bis 136 Tagen sind klein; der Überraschungs-Proxy mit t ≈ 1,7 ist ausdrücklich nicht signifikant.
- Der Kalender ist unvollständig. Nur vier US-Release-Typen; EZB, BoE, Earnings, Geopolitik und ungeplante Schocks (SNB 2015) stehen in keiner Klasse. Genau solche Tage stellen die Spitze des Buchs — das ist Teil des Befunds, aber auch Teil der Lücke.
- Überraschung nur als Proxy. Ohne Forecast-Daten messen wir die Reaktion, nicht die Abweichung vom Konsens. Große Reaktion und große Überraschung sind korreliert, nicht identisch.
- NFP-Regel ohne Feiertagsverschiebung, FOMC-Termine nur bis April 2026 (Datenende Juni 2026 ist abgedeckt).
- Buch-Tages-R mischt Sessions und Märkte. Tage sind die Einheit, aber DAX, FTSE, NQ und Dow desselben Tages sind gekoppelt; die t-Werte in Abschnitt 2 sind einfache Tages-t-Werte.
- Die Setup-Familie ist unsere. Sechs Setups; die Mittagsgruppe fehlt. Ein anderes Buch könnte auf Event-Tage anders reagieren.