Datenbasis: Fade eines Pre-Market-Tiefs (Bruch nach unten wird Long gehandelt), 5 Indizes (DAX, FTSE, Nasdaq, Dow, S&P), 2015 – 06/2026, rund 200 bis 230 Trades je Markt und Jahr. Crowding-Test auf unserer Episoden-Basis (15-Minuten-Buckets ab Entry) mit Kontrollgruppe aller übrigen Setups desselben Marktes. Close-Filter auf M1-Rekonstruktion, n = 11.943 bzw. 12.789, Anker gegen die Episoden-Basis geprüft. Exit: Trailing-Stop BE 0,5 / TS 1,0 / Schritt 0,5, Kosten (Spread + Slippage) im Einstieg und bei jedem Zusatz-Exit. Keine Handelsempfehlung.
Der Verdacht kam aus dem Live-Betrieb, und er klingt vernünftig. Das Fade-Setup kauft, wenn ein vorbörsliches Tief gebrochen wird — die Wette ist, dass der Bruch ein Griff nach Liquidität war und nicht der Beginn eines Trends. Der Eindruck der letzten Monate: Das Tief wird nach dem Einstieg noch einmal unterschritten, der Stop sitzt genau dort, und dann dreht der Markt. Wenn ein Level bekannt genug ist, wird es abgeräumt. Crowding.
Eine Crowding-These macht überprüfbare Vorhersagen, und genau deshalb haben wir sie gemessen, statt sie zu glauben. Wenn das Level zunehmend gezielt gesweept wird, dann muss (1) der Nachlauf gegen den Trade über die Jahre tiefer werden, (2) der Anteil der Trades, die den Stop nehmen, steigen — und (3) beides muss spezifisch bei diesem Setup passieren. Werden alle Setups desselben Marktes gleichzeitig schlechter, ist es Marktregime, nicht Crowding. Punkt 3 ist der eigentliche Test.
1. Die Stop-Quote fällt — auch relativ zur Kontrolle
Für jedes Jahr und jeden Markt haben wir den Anteil der Episoden gemessen, deren Pfad bis Sessionende mehr als 1 R unter den Einstieg läuft („Stop-Quote"), und die mittlere maximale Gegenbewegung (MAE) in R. Beides einmal roh und einmal als Differenz zur Kontrollgruppe aller anderen Setups desselben Marktes im selben Jahr. Ausgewiesen ist der lineare Trend über zwölf Jahresstichproben.
| Markt | Stop-Quote roh, Trend/Jahr | Stop-Quote minus Kontrolle, Trend/Jahr | MAE minus Kontrolle, Trend/Jahr |
|---|---|---|---|
| Nasdaq | −0,53 Pp (r = −0,66) | −0,66 Pp (r = −0,74) | +0,032 R (r = +0,36) |
| FTSE | −0,37 Pp (r = −0,38) | −0,40 Pp (r = −0,45) | +0,067 R (r = +0,73) |
| DAX | −0,11 Pp (r = −0,10) | −0,27 Pp (r = −0,23) | +0,034 R (r = +0,43) |
| Dow | −0,27 Pp (r = −0,21) | −0,44 Pp (r = −0,33) | +0,024 R (r = +0,24) |
| S&P | −0,36 Pp (r = −0,35) | −0,56 Pp (r = −0,50) | +0,002 R (r = +0,02) |
Nasdaq und FTSE waren die Märkte, in denen der Verdacht am stärksten war. Auf Nasdaq fällt die Stop-Quote um gut einen halben Prozentpunkt pro Jahr, relativ zur Kontrollgruppe sogar um zwei Drittel Punkt. Bis 2020 lag sie bei 80,5 %, ab 2023 bei 76,4 %. Auf FTSE wird die Gegenbewegung relativ zur Kontrolle jedes Jahr flacher (+0,067 R/Jahr, r = +0,73); die MAE-Differenz zur Kontrolle stieg von +0,13 R bis 2020 auf +0,61 R ab 2023. In allen fünf Märkten zeigt der Trend der relativen Stop-Quote nach unten. Kein einziger Punkt der Crowding-Vorhersage tritt ein.
Auch der Ertrag passt nicht zur These. Nasdaq lieferte 2015 −0,214 R je Trade, 2016 −0,001, 2017 −0,146; ab 2023 stehen dort +0,491, +0,246, +0,243 und +0,438 R. Das Setup war früher schlecht und ist heute gut — das exakte Gegenteil eines Edges, der von Nachahmern aufgezehrt wird.
2. Woher das Gefühl trotzdem kommt
Das Setup hat strukturell einen brutalen Nachlauf. Über den vollen Episoden-Pfad bis Sessionende laufen 75 bis 85 % aller Trades irgendwann mehr als 1 R unter den Einstieg, die mittlere MAE liegt bei −3 bis −4 R. Wer das jeden Morgen sieht, hat ein Sweep-Erlebnis — nur ist es 2015 häufiger gewesen als heute.
Und es ist kein schneller Liquiditätsgriff. Wir haben gemessen, in welchem 15-Minuten-Bucket nach Entry das Tief des Tages erreicht wird:
| Markt | Bucket 0 | Bucket 1 | Bucket 2–3 | Bucket 4+ | Kontrolle Bucket 0 |
|---|---|---|---|---|---|
| Nasdaq | 18,4 % | 10,0 % | 11,3 % | 60,3 % | 22,6 % |
| FTSE | 15,1 % | 6,7 % | 5,8 % | 72,3 % | 15,4 % |
| DAX | 13,7 % | 8,0 % | 8,6 % | 69,6 % | 17,2 % |
| Dow | 17,9 % | 8,8 % | 10,5 % | 62,7 % | 21,3 % |
| S&P | 14,5 % | 9,2 % | 12,1 % | 64,2 % | 20,8 % |
Auf FTSE liegt das Tagestief im Median je nach Jahr erst im 13. bis 24. Bucket, meist ab dem 18., also drei bis sechs Stunden nach Einstieg; 72 % der Tiefs kommen frühestens eine Stunde später. Der Anteil, in dem das Tief in der ersten Viertelstunde fällt, liegt in allen fünf Märkten auf oder unter dem Niveau der Kontrollgruppe. Ein gezielter Sweep sollte früh und schnell kommen. Was die Daten zeigen, ist ein langsamer Abwärtsdrift an den Tagen, an denen der Fade falsch liegt — ein normaler Fehlausbruch, kein Griff nach Stops.
3. Der Schlusskurs trennt fast perfekt
Wenn der Bruch kein Sweep ist, gibt es dann überhaupt ein Signal dafür, ob der Fade richtig liegt? Ja, und es ist erstaunlich scharf: der Schlusskurs der Fünf-Minuten-Kerze, die das Tief bricht. Schließt sie wieder über dem Tief (Reclaim), war der Bruch ein Ausrutscher. Schließt sie darunter (Durchbruch), steht der Fade gegen den Markt.
| Sofortiger Einstieg am Level | Close über dem Tief (Reclaim) | Close unter dem Tief (Durchbruch) |
|---|---|---|
| avgR | +0,409 (n=6.228) | +0,006 (n=5.715) |
| Anteil | 52,1 % | 47,9 % |
Differenz +0,402 R, t = +27,5. Die Trennung hält in jedem Markt (Reclaim zwischen +0,347 und +0,487, Durchbruch zwischen −0,089 und +0,106) und sie hält out-of-sample:
| Markt | Differenz In-Sample (< 2022) | Differenz Out-of-Sample (≥ 2022) |
|---|---|---|
| DAX | +0,450 | +0,426 |
| FTSE | +0,627 | +0,482 |
| Nasdaq | +0,504 | +0,377 |
| Dow | +0,505 | +0,378 |
| S&P | +0,428 | +0,345 |
| Gepoolt | +0,503 | +0,402 |
Ein Filter, der auf n = 11.943 mit t = +27,5 trennt und im OOS-Fenster in allen fünf Märkten Vorzeichen und Größenordnung hält, ist ein seltenes Ding. Die nächste Frage ist die entscheidende: Kann man damit etwas anfangen?
4. Vier Umsetzungen — alle verlieren
Der Filter ist erst nach dem Einstieg bekannt; der Fade steigt am Level ein, der Close kommt Minuten später. Es gibt vier Wege, ihn trotzdem zu nutzen. Alle gerechnet mit Kosten, identischer Code, IS/OOS-Split 2022.
| Variante | pro eingesetztem R | t | In-Sample | Out-of-Sample |
|---|---|---|---|---|
| Basis (sofort einsteigen, Trailing bis Sessionende) | +0,169 | +22,8 | +0,109 | +0,264 |
| Exit am Close bei Durchbruch | −0,186 | −23,0 | −0,243 | −0,096 |
| Zusatzposition am Close bei Reclaim | +0,090 | +13,5 | +0,062 | +0,246 |
| Beides kombiniert | −0,149 | −21,5 | −0,290 | −0,115 |
| Auf den Close warten, dann erst einsteigen | −0,153 (t = −17,8), Differenz zur Basis −0,369 (t = −37,6) |
n = 12.789 für die ersten vier Zeilen, 11.943 für die Wartevariante. Ergebnis in allen fünf Märkten gleich: Der Exit ist überall negativ (−0,143 bis −0,228), die Zusatzposition liegt überall unter der Basis (+0,055 bis +0,151 gegen +0,104 bis +0,251).
Warum der Exit verliert: Durchbruch-Trades stehen am Close der Bruchkerze im Mittel bei −0,751 R. Lässt man sie mit dem Trailing-Stop laufen, enden sie im Mittel bei −0,058 R. Der Exit realisiert den Zwischenverlust und schneidet genau die Erholung ab, aus der das Nullergebnis dieser Gruppe besteht. Warum die Zusatzposition verliert: Sie kauft nach dem Reclaim höher bei gleichem strukturellem Stop, hat also ein schlechteres Chance-Risiko-Verhältnis; die Zusatzposition für sich genommen bringt −0,073 R. Warum Warten verliert: Der Einstand ist weg — die Kerze, die zurück über das Tief schließt, hat den besten Teil der Bewegung bereits hinter sich.
5. Was daraus folgt
Die Crowding-These ist widerlegt. Nicht abgeschwächt, nicht „unklar" — alle drei Vorhersagen zeigen in die Gegenrichtung, in beiden Verdachtsmärkten und in den drei Kontrollmärkten. Das Setup ist 2023 bis 2026 besser als je zuvor. Der Sweep-Eindruck entsteht aus einer Eigenschaft, die das Setup immer hatte: Es verträgt tiefe Gegenbewegungen und lebt vom rechten Tail.
Ein perfekter Filter ist nicht dasselbe wie ein handelbarer Filter. Das ist die eigentliche Lehre dieser Studie. Der Close trennt +0,41 von +0,01 R, und trotzdem kostet jede Umsetzung Geld, weil der Filter zu spät kommt: Er ist erst bekannt, wenn der Einstand vorbei ist. Wir haben dieses Muster jetzt zum sechsten Mal — nach Level-Take-Profit, Reclaim-Regeln, zweitem Break, Chop-Lockout und Anti-Trade: Jeder mechanische Frühausstieg schneidet den Tail an, von dem das System lebt. Die Ergebnisse passen zur Exit-Studie und zum Vergleich mechanischer Exit gegen Trailing-Stop. Das Setup bleibt unverändert.
Was das Gefühl war: Recency. Ein Setup mit 75 bis 85 % Nachlauf unter −1 R fühlt sich in jeder schlechten Woche gesweept an. Die Zahl, die das prüft, ist die Stop-Quote relativ zur Kontrolle über zwölf Jahre — und die fällt.
6. Grenzen
- Jahresstichproben sind klein (80 bis 230 Trades je Markt und Jahr). Einzeljahre sind nicht belastbar; belastbar ist nur der Trend über alle Jahre und seine Konsistenz über fünf Märkte.
- MAE in R hängt an der Referenz-Range. Wird die vorbörsliche Kerze relativ enger, wächst die MAE in R, ohne dass der Markt sich anders verhält. Die Kontrollgruppe fängt das nur teilweise ab; deshalb die Betonung der Stop-Quote relativ zur Kontrolle.
- Die Close-Varianten sind eine M1-Rekonstruktion, nicht die Episoden-Basis selbst. Die Basisvariante liegt bekanntermaßen +0,03 bis +0,09 R über der Basis (feineres Trailing); der Vergleich der Varianten läuft durch identischen Code und ist davon unberührt, Absolutwerte sind nur Größenordnung.
- Fünf-Minuten-Kerzen auf festem Raster, kein Slippage-Aufschlag für Stress-Momente beim Exit am Close.
- Offen: Auf FTSE sinkt der Jahres-avgR (+0,149 im Jahr 2015 gegen +0,060 im Jahr 2025), während die MAE relativ besser wird. Der Verdacht ist ein wachsender Kostenanteil bei kleinerer Referenz-Range (0,199 → 0,163 % bei gleichem Spread) — nicht getestet.
- Nicht getestet: eine Hybridregel, die den Durchbruch-Exit erst nach einer Mindesthaltedauer aktiviert, und der Filter auf anderen Timeframes als M5.