Serie
Research/ Studien
Gemessen9 Min. Lesezeit · 2026-08-28

Ein Breakout-Buch über elf Jahre: Warum die Gesamtbilanz die falsche Zahl ist

Märkte
DAX FTSE NQ Dow
Zeitraum
2015–2026
Stichprobe
66.511 Trades · 138 Monate
Kosten
netto, Spread + Slippage
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Datenbasis: 66.511 Trades, sechs Breakout-Setups × DAX, FTSE, Dow, Nasdaq, 05.01.2015 – 05.06.2026, 2.949 Handelstage. Unselektiertes Buch: jede Setup-Markt-Zelle läuft, auch die bekannt schwachen; keine Zusatzpositionen, keine Auslassungen, kein Risiko-Overlay. Exit: Trailing-Stop BE 0,5 / TS 1,0 / Schritt 0,5 (zwei Setups halten bis Sessionende), Pfade in 5-Minuten-Buckets, Kosten (Spread + Slippage) im Einstieg. Erster Break je Setup und Tag. Keine Handelsempfehlung.

Die Frage war einfach: Wie wäre das Buch über die letzten elf Jahre ausgegangen — alle Trades, Equity, Drawdown, und was das bei realem Risiko in Prozent bedeutet? Nicht die selektierte Live-Version mit Filtern und Risiko-Overlay, sondern das rohe Buch: sechs Breakout-Setups, vier Indizes, jede Zelle scharf.

Die Antwort ist eine Zahl, die man gern zitiert, und eine zweite, die man zitieren muss.

1. Die Gesamtbilanz

Exit Summe R avgR R pro Jahr Trefferquote
Trailing (zwei Setups Hold) +5.243 +0,079 (t = +8,4) +460 30,7 %
Trailing pur +5.432 +0,082 +476 36,6 %
Exit an der 2. Gegenkerze +659 +0,010 +58 36,6 %

Die dritte Zeile ist die Referenz aus unserer Studie zum mechanischen Exit: Derselbe Trade-Bestand, mit einer Gegenkerzen-Regel beendet, verliert 87 % des Ergebnisses. Die erste Zeile ist das Buch, um das es hier geht.

+5.243 R in 11,4 Jahren, tages-geclustert mit t = +8,4. Nach Märkten: DAX +2.500 R (avgR +0,150), Dow +1.352 R (+0,081), FTSE +942 R (+0,057), Nasdaq +449 R (+0,027). Das Buch ist positiv, robust und über vier Indizes verteilt. Wer hier aufhört zu lesen, macht den Fehler, den diese Studie beschreibt.

2. Die Tagesserie

Kennzahl Wert
Mittel je Tag +1,78 R (SD 11,54)
Anteil grüne Tage 46 %
Bester Tag +76,0 R (25.02.2020)
Schlechtester Tag −17,4 R (10.03.2017)
Längste rote Strecke 10 Tage
Max. Drawdown −448,9 R (Tief 24.10.2017)
Monate negativ 35 von 138 (25 %)
Schlechtester Monat −102,4 R (Mai 2017)
5. Perzentil der Monate −55,8 R

Zwei Dinge fallen auf. Weniger als die Hälfte der Tage ist grün — das Buch verdient an einer Minderheit von Tagen, mit einem Mittel, das ein Sechstel der Tages-Standardabweichung beträgt. Und der Drawdown ist mit −449 R fast ein Jahresertrag. Bei +460 R pro Jahr wäre das eine Erholungszeit von rund einem Jahr, wenn man den Durchschnitt unterstellt. Man sollte ihn nicht unterstellen.

3. Zwei Regime

Die Jahresscheiben zeigen, wo der Drawdown herkommt:

Jahr Summe R Jahr Summe R
2015 +150 2021 +725
2016 +27 2022 +870
2017 −162 2023 +296
2018 +678 2024 +415
2019 +339 2025 +638
2020 +796 2026 (bis 05.06.) +471

Rund 5.800 Trades je Jahr. Die ersten drei Jahre summieren sich auf +15 R — null. Ab 2018 liegt kein Jahr unter +296 R. Teilt man die Serie an dieser Stelle, entstehen zwei Buchhaltungen, die nichts miteinander zu tun haben:

2015–2017 2018–06/2026
Trades 17.223 49.288
avgR +0,001 (t = +0,1) +0,106 (t = +9,5)
Summe R +15 +5.228
R pro Jahr +5 +621
Anteil grüne Tage 40 % 48 %
Max. Drawdown −448,9 R −136,5 R
Monate negativ 17 von 36 (47 %) 18 von 102 (18 %)
Schlechtester Monat −102,4 R −92,2 R (April 2019)
5. Perzentil der Monate −68,8 R −36,8 R

Der −449-R-Drawdown ist kein Crash. Er läuft vom 21.11.2016 bis zum 24.10.2017, 337 Tage, mit −126 R im Jahr 2016 und −323 R im Jahr 2017; der schlimmste Einzeltag darin ist −17 R. Das ist ein Grind — ein Buch, das ein Jahr lang an einem Markt handelt, der ihm nichts gibt. Im Drawdown-Fenster stammen 54 % der Trades aus Tagen mit niedriger Volatilität (Basisrate 35 %), und diese Trades allein tragen −316 R. Es passt zum Befund, dass Momentum hohe Volatilität braucht: 2017 war ein historisches Volatilitätstief.

Das Regime ist marktübergreifend, nicht die Eigenart eines Index. DAX avgR +0,081 → +0,174, Dow +0,037 → +0,097, FTSE +0,024 → +0,069, Nasdaq −0,135 → +0,084. Alle vier Märkte wechseln zusammen. Die modernen Drawdowns — −136,5 R in 56 Tagen (Oktober bis Dezember 2023), −122 R und −111 R im Jahr 2019 — sind ein Drittel des alten und dauern Wochen statt eines Jahres.

4. Was ein Volatilitäts-Gate davon einfängt

Wenn das tote Regime an niedriger Volatilität hängt, liegt ein Gate nahe: Momentum-Setups aussetzen, wenn das Volatilitätsterzil (vorab bekannt, 250-Tage-Fenster) niedrig ist. Im Rückblick funktioniert das: Max-DD −449 → −259 R, ab 2018 −136 → −77 R, schlechtester Monat −92 → −42 R, bei 17 bis 19 % Kosten am Gesamtertrag.

Die Robustheitsprüfung relativiert das erheblich. Handelbar ist nur etwa ein Achtel des Rückblick-Effekts: Trades an Tagen mit prognostizierter niedriger Volatilität liefern avgR +0,060 — positiv —, während Trades an Tagen mit realisierter niedriger Volatilität bei −0,246 liegen. Die zweite Zahl kennt man erst abends. Der Unterschied nicht-niedrig minus niedrig beträgt je Trade nur +0,024 (t ≈ 1,3), und nicht-niedrig war in nur 7 von 12 Jahren besser. Persistenz ist real, aber moderat: Nach einem Tag mit prognostiziertem Tief liegt die Wahrscheinlichkeit für eine niedrige Tagesrange bei 44 bis 47 % gegen 33 % Basis; Niedrig-Phasen dauern im Median drei Tage.

Die korrekte Einordnung ist deshalb: ein Größenregler, keine Prognose. Halbe Größe in Niedrig-Phasen senkt den Drawdown um 30 % für −9 % Gesamtertrag. Das ist Versicherung — Calmar rauf, Erwartungswert runter —, kein Edge. Chop kündigt sich auch nicht an: Die Autokorrelation der Tagesserie liegt bei −0,02, die Wahrscheinlichkeit für einen Chop-Tag nach einem Chop-Tag entspricht der Basisrate von 31 %.

5. Sizing als Rechenbeispiel

Was heißt das in Prozent? Die Übersetzung ist additiv (kein Zinseszins, kein Overlay), also grob.

Risiko je Trade Ertrag/Jahr Max. DD schlechtester Monat
Volle Periode, 1,00 % +459 % −449 % −102 %
Volle Periode, 0,25 % +115 % −112 % −26 %
Volle Periode, 0,15 % +69 % −67 % −15 %
Volle Periode, 0,07 % +32 % −31 % −7 %
Ab 2018, 0,25 % +155 % −34 % −23 %
Ab 2018, 0,15 % +93 % −20 % −14 %
Ab 2018, 0,07 % +44 % −10 % −7 %

Über die volle Periode ist das rohe Buch bei 0,25 % je Trade tot: Ein Drawdown von −112 % ist ein geschlossenes Konto. Wer ein Drawdown-Budget von rund 10 % hat, landet beim rohen Buch bei etwa 0,07 % je Trade — und selbst das nur in der modernen Ära. Der Unterschied zwischen den beiden Regimen ist bei gleichem Risiko ein Faktor drei im Drawdown.

Das ist der Punkt, an dem Selektion und Overlay nicht Kosmetik sind, sondern der eigentliche Hebel — vgl. die Sizing-Studie. Das rohe Buch ist die Untergrenze, nicht die Erwartung.

6. Was ein schlechter Monat ist

Ein Monat mit −45 R in diesem Buch ist schlechter als 93 % aller 138 Monate der Historie — Perzentil 7. Zehn von 138 Monaten waren so schlecht oder schlechter — knapp einmal pro Jahr über die volle Historie; sieben der zehn schlimmsten Monate liegen in 2015 bis 2017. In der modernen Verteilung ist derselbe Monat ein Ereignis jenseits des 5. Perzentils (−36,8 R). Das ist ein echtes Tail-Ereignis, aber ein eingepreistes, und kein Kalendermuster sagt es voraus. Juli und Oktober haben mit je 45 % den höchsten Anteil negativer Monate, aber ein positives Mittel — bei elf Beobachtungen je Kalendermonat ist das nicht belastbar. Ein fester Urlaubsmonat kostet Erwartungswert; ein Regime-Gate nicht.

7. Was daraus folgt

Die Gesamtbilanz ist die falsche Zahl. +5.243 R mischt drei tote Jahre mit acht guten und liefert einen Drawdown, den kein Konto überlebt. Die relevante Verteilung ist die des Regimes, in dem man handelt — und zugleich muss man wissen, dass das andere Regime existiert.

Der 2018er-Schnitt ist ex post. Er ist per Volatilität erklärbar, aber nicht prospektiv gewählt. Wer die moderne Ära als Basis nimmt, unterstellt, dass 2015 bis 2017 nicht wiederkommt. Das ist eine Annahme, keine Messung. Das Sizing muss so gewählt sein, dass sie falsch sein darf.

Ein schlechter Monat ist Perzentil 7, nicht Beweis. Wer ihn zum Anlass nimmt, Setups zu streichen, reagiert auf Varianz. Die Zahl, die das prüft, ist die Monatsverteilung — und die hat ihn schon.

8. Grenzen

  • Ex-post-Split. Die Regimegrenze 2018 ist im Rückblick gesetzt; die Volatilitäts-Erklärung ist plausibel, das Startjahr aber nicht prospektiv gewählt. Gate-Zahlen sind In-Sample; die Terzil-Konvention war vorab fixiert und lookahead-frei.
  • Konventionen der Episoden-Basis. Erster Break je Tag, Pfadstart am Open der brechenden Bar (leicht pessimistisch nach V-Sweeps), keine Zusatzpositionen, kein Overlay, keine Auslassungen. Trailing auf M5 ist konservativer als auf M15.
  • Additive Prozentrechnung. Kein Zinseszins, kein Vol-Targeting, keine Tagesgrenzen. Die Sizing-Tabelle ist Größenordnung, nicht Prognose.
  • Unselektiertes Roster. Bekannt schwache Setup-Markt-Zellen laufen mit; das Buch ist bewusst die Untergrenze.
  • Kosten aus Konfigurationswerten je Markt, keine Slippage-Aufschläge für Stress-Tage.
  • Nicht getestet: Zinseszins-Pfade, Monte-Carlo der Tagesserie, das Buch mit Selektion, ein prospektiver Regime-Klassifikator jenseits des Volatilitätsterzils.