Datenbasis: DAX und FTSE, M1-Daten, 2015–2026, 2.892 gemeinsame Handelstage (Intraday-Test); DAX, FTSE, NQ, DOW, SPX, 2.912 gemeinsame Handelstage (Tages-Test). Reine Preisstatistik in Prozent, keine Kosten modelliert. Lookahead-frei: die Divergenz ist um 10:30 Berlin bekannt, gemessen wird der Return danach. Keine Handelsempfehlung.
Die Beobachtung, aus der die Frage entstand, war konkret: Der FTSE lief am Vormittag stark, der DAX blieb liegen. Das sieht nach Rückstand aus. Zwei Indizes derselben Region, dieselben Makro-Nachrichten, hohe Korrelation — wenn einer vorausläuft, müsste der andere nachziehen. Die Aufholwette wäre der Kauf des Nachzüglers.
Die Idee hat eine ernstzunehmende Variante auf Tagesbasis: Ein Index koppelt an einem Tag stark von der Gruppe ab (alle anderen klar grün, er rot). Am Folgetag müsste die Lücke sich schließen, wenn Divergenz ein Ungleichgewicht ist.
Wir haben beides gemessen. Die Antwort ist in beiden Fällen dieselbe.
1. Der Intraday-Test: DAX-Rest-Tag nach FTSE-Vorsprung
Die Divergenz definieren wir als FTSE-Frühreturn minus DAX-Frühreturn im gemeinsamen Fenster 09:00–10:30 Berlin. Danach messen wir den Return des DAX von 10:30 bis 17:30, sortiert nach Divergenz-Quintilen. Aufholen hieße: je größer der FTSE-Vorsprung, desto positiver der DAX-Rest-Tag. Die Frühreturns beider Indizes sind zu 0,73 korreliert — die Divergenz ist also der kleinere Teil der Bewegung, aber sie ist da.
| Quintil | FTSE-Vorsprung (09:00–10:30) | DAX-Return 10:30→17:30 | n | t vs. Ø |
|---|---|---|---|---|
| Q1 | −2,02 bis −0,26 % (FTSE hinten) | +0,063 % (±0,034) | 579 | +1,5 |
| Q2 | −0,26 bis −0,07 % | +0,017 % (±0,031) | 578 | +0,2 |
| Q3 | −0,07 bis +0,08 % | +0,017 % (±0,029) | 578 | +0,3 |
| Q4 | +0,08 bis +0,26 % | −0,018 % (±0,029) | 578 | −0,9 |
| Q5 | +0,26 bis +2,03 % (FTSE vorn) | −0,030 % (±0,035) | 579 | −1,1 |
| Basis | alle Tage | +0,010 % | 2.892 | — |
Der Gradient läuft von oben nach unten monoton — und in die entgegengesetzte Richtung der Hypothese. Nach dem größten FTSE-Vorsprung ist der DAX-Rest-Tag am schwächsten, nach dem größten FTSE-Rückstand am stärksten. Kein Quintil erreicht |t| ≥ 2, das Muster ist also auch als Gegenwette nicht belastbar. Aber die Aufholwette hat schlicht keinen Träger in den Daten.
2. Die Kontrolle: nur Tage, an denen der DAX früh flach war
Der erste Test hat einen Einwand: Ein großer FTSE-Vorsprung entsteht auch dann, wenn der DAX selbst früh stark gefallen ist. Dann misst man nicht Aufholen, sondern das Eigenmomentum des DAX. Wir beschränken deshalb auf Tage, an denen der DAX-Frühreturn im mittleren Tercil lag — der DAX also wirklich nur liegen geblieben ist, während der FTSE lief.
| Quintil | FTSE-Vorsprung | DAX-Return 10:30→17:30 | n | t vs. Ø |
|---|---|---|---|---|
| Q1 | −1,05 bis −0,17 % | +0,143 % (±0,051) | 197 | +1,7 |
| Q2 | −0,17 bis −0,03 % | +0,042 % (±0,040) | 196 | −0,4 |
| Q3 | −0,03 bis +0,08 % | +0,131 % (±0,040) | 196 | +1,8 |
| Q4 | +0,08 bis +0,21 % | −0,001 % (±0,040) | 196 | −1,5 |
| Q5 | +0,21 bis +1,39 % (FTSE vorn) | −0,021 % (±0,051) | 197 | −1,6 |
| Basis | alle flachen DAX-Tage | +0,059 % | 982 | — |
Genau die Zelle, die die Hypothese braucht — DAX flach, FTSE deutlich vorn — liefert −0,021 % gegen eine Basis von +0,059 %. Der Nachzügler zieht nicht nach. Er bleibt eher noch weiter zurück.
3. Der Spiegel: FTSE nach DAX-Vorsprung
Dieselbe Konstruktion umgekehrt — FTSE früh flach, DAX vorausgelaufen, gemessen wird der FTSE-Rest-Tag.
| Quintil | DAX-Vorsprung | FTSE-Return 10:30→17:30 | n | t vs. Ø |
|---|---|---|---|---|
| Q1 | −1,23 bis −0,19 % | +0,008 % (±0,041) | 197 | −0,3 |
| Q3 | −0,06 bis +0,06 % | +0,019 % (±0,036) | 196 | −0,0 |
| Q5 | +0,24 bis +1,28 % (DAX vorn) | +0,060 % (±0,041) | 197 | +1,0 |
| Basis | alle flachen FTSE-Tage | +0,019 % | 982 | — |
Hier zeigt der Punktschätzer wenigstens in die richtige Richtung — bei t = +1,0 und einer Differenz von vier Hundertstel-Prozent. Das ist Rauschen, kein Effekt. Q2 und Q4 (nicht gezeigt) liegen bei +0,000 % und +0,009 %.
4. Der Tages-Test über fünf Indizes
Die zweite Variante der Idee lebt auf Tagesbasis. Wir definieren den Spread eines Index als sein Session-Return (Open→Close) minus der Mittelwert der vier anderen. Ein Divergenz-Ereignis liegt vor, wenn die Gruppe mindestens +0,75 % macht und der Index mindestens 1,0 % dahinter liegt. Gemessen wird der Spread am Folgetag und kumuliert über drei Tage. Aufholen hieße: Folge-Spread positiv.
| Index | Ereignisse | Folgetag-Spread | 3-Tage-Spread |
|---|---|---|---|
| DAX | 78 | −0,01 % | +0,05 % |
| FTSE | 89 | +0,00 % | −0,09 % |
| NQ | 22 | +0,16 % (t = +0,8) | +0,02 % (t = +0,1) |
| DOW | 15 | +0,34 % | +0,05 % |
| SPX | 9 | +0,30 % | +0,02 % |
| Gepoolt | 213 | +0,05 % (t = +0,6, 54 % positiv) | −0,01 % (t = −0,1) |
Die unkonditionale Basis für den Folgetag-Spread liegt bei +0,02 %. Der gepoolte Aufholeffekt beträgt drei Hundertstel-Prozent darüber, bei t = +0,6. Über drei Tage verschwindet auch das. Die einzelnen US-Zellen sehen mit +0,30 % und +0,34 % verlockend aus — bei n = 9 und n = 15 sind sie nicht belastbar, und der 3-Tage-Wert fällt in beiden auf nahezu null zurück. Die strengere Definition (Gruppe ≥ +1,0 %, Rückstand ≥ 1,5 %) liefert für den NQ genau zwei Ereignisse in elf Jahren.
5. Warum die Divergenz kein Rückstand ist
Die Aufholwette setzt voraus, dass zwei korrelierte Indizes denselben fairen Wert haben und einer davon „noch nicht angekommen" ist. Das ist die falsche Vorstellung. FTSE und DAX sind unterschiedlich zusammengesetzt — Rohstoff-, Energie- und Bankwerte mit hohem Gewicht im einen, Industrie, Autos und Chemie im anderen. Wenn ein Ölpreissprung oder ein Pfund-Move den FTSE am Vormittag treibt, ist das keine Information über den DAX, die der DAX noch einpreisen müsste. Die Divergenz ist kompositionsgerechtfertigt: Sie entsteht, weil verschiedene Nachrichten verschiedene Indizes treffen, nicht weil ein Index langsamer ist.
Die 73 % Korrelation der Frühreturns bestätigen das eher, als es zu widerlegen: Der gemeinsame Teil der Bewegung ist bereits gemeinsam. Was übrig bleibt, ist per Konstruktion der idiosynkratische Teil — und der hat keinen Grund, sich anzugleichen.
Dass der Intraday-Gradient sogar leicht invers verläuft, passt zum selben Bild: Ein Tag, an dem der FTSE weit vorausläuft und der DAX nicht folgt, ist ein Tag, an dem der DAX-spezifische Nachrichtenfluss schwach ist. Das setzt sich am Nachmittag eher fort, als dass es sich umkehrt.
6. Was daraus folgt
Der Blick auf den Partnerindex liefert für die Richtungswahl im eigenen Markt keinen Vorsprung. Weder der Intraday-Rückstand zum FTSE noch die Tages-Divergenz zur Fünfergruppe sagt etwas über den weiteren Verlauf des Nachzüglers, das über die Basisrate hinausgeht.
Das ist die zweite Messung in einer Reihe, die zum selben Schluss kommt. Die dritte — ob die Farbe der Referenzkerze des Partnerindex das eigene Setup verstärkt — steht in der Studie zur Farb-Übereinstimmung der Paare. Die zusammengefasste Lehre: Jeder Markt handelt seine eigene Kerze. Cross-Market-Konditionierung hat in unseren Daten bisher in keiner Form einen Filter oder Verstärker geliefert.
Was der Partnerindex sehr wohl liefert, ist ein Mechanismus für den Gap: Die Overnight-Drift-Studie zeigt, dass europäische Indizes US-Nachmittagsbewegungen erst im nächsten Morgen-Gap einpreisen. Das ist eine Übertragung über Nacht, zwischen Sessions — nicht ein Aufholen innerhalb der Session, das man handeln könnte.
7. Grenzen
- Zwei feste Fenster. Die Divergenz wurde um 10:30 Berlin gemessen, der Forward bis 17:30. Andere Schnittzeiten wurden nicht getestet; ein Aufholeffekt, der nur in den ersten 30 Minuten nach 10:30 lebt und danach wieder verschwindet, wäre in der Rest-Tages-Summe unsichtbar.
- Quintile bei n ≈ 580 bzw. 197. Die Kontrollgruppe (DAX früh flach) hat je Zelle knapp 200 Tage; Effekte unter etwa 0,1 % Tagesreturn sind dort nicht auflösbar.
- Tages-Test mit kleinem n. 213 gepoolte Ereignisse über fünf Indizes, davon nur 46 in den US-Indizes. Die US-Zellen sind nicht belastbar.
- Keine Kosten, keine Setup-Logik. Gemessen wurde reiner Index-Return. Selbst ein Effekt von +0,06 % hätte auf Handelsebene nach Spread und Slippage keinen Bestand.
- Nur ein Paar intraday. DAX/FTSE ist das einzige gemeinsam handelbare Session-Paar in Europa; das US-Paar NQ/DOW wurde intraday nicht auf Aufholen getestet, nur auf Tagesbasis.
- In-Sample. Es gibt keinen Parameter, den man hätte optimieren können, aber die Fenster wurden vor dem Test gewählt und nicht auf einer Hälfte validiert.