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Research/ Studien
Kein Edge7 Min. Lesezeit · 2026-08-24

Bestimmt die erste Kerze den Tag? Nur, wenn man sie mitzählt

Märkte
DAX FTSE NQ Dow
Zeitraum
2015–2026
Stichprobe
2.907–2.935 Tage je Markt
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Datenbasis: DAX, FTSE, Dow, NQ; M1-Daten der Cash-Session in lokaler Zeitzone (Session-Ende DAX 17:30, FTSE 16:30, US 16:00), 05.01.2015 – 05.06.2026, 2.907 bis 2.935 Handelstage je Markt. Fenster 5, 10 und 15 Minuten nach Open. Reine Preisstatistik, keine Trades, keine Kosten. Benchmark: Unabhängigkeits-Erwartung aus den Basisraten, t = (beobachtet − erwartet) / SE. Lookahead-frei: Die Kerze ist zum Zeitpunkt Open + N bekannt, der Rest beginnt exakt dort. Keine Handelsempfehlung.

Es ist eine der verbreitetsten Chart-Weisheiten: „Wie die erste Kerze, so der Tag." Erste 15-Minuten-Kerze grün, Tag grün. Erste Kerze rot, Tag rot. Wer den Satz prüft, indem er Kerzenrichtung und Tagesrichtung nebeneinanderlegt, findet ihn bestätigt — deutlich und über alle Märkte.

Die Bestätigung ist echt und trotzdem wertlos. Der Grund ist ein Messfehler, der so naheliegend ist, dass man ihn übersieht: Die erste Kerze ist ein Teil des Tages. Wenn die Kerze +0,3 % macht und der Tag +0,1 % schließt, „stimmt" die Richtung — obwohl der Markt nach der Kerze gefallen ist. Die Frage, die zählt, lautet anders: Sagt die erste Kerze voraus, wie der Tag ab ihrem eigenen Ende läuft? Wir haben beides gemessen.

1. Die wörtliche Frage: Kerze und Tag gleiche Richtung

Tag = Open → Session-Close. Erste Kerze = Open → Close nach N Minuten. Die Übereinstimmung wird gegen die Unabhängigkeits-Erwartung gestellt, die den Long-Bias der Basisraten (Tag > 0 in 53,2 bis 55,2 % der Fälle) und die schiefe Kerzenverteilung korrigiert.

Markt Fenster n Tage Übereinstimmung erwartet t
DAX 5 Min 2.920 57,9 % 49,9 % +8,7
DAX 15 Min 2.923 60,7 % 49,9 % +11,9
FTSE 5 Min 2.893 59,3 % 50,0 % +10,1
FTSE 15 Min 2.899 62,3 % 50,0 % +13,7
Dow 5 Min 2.934 58,4 % 50,2 % +9,0
Dow 15 Min 2.935 62,4 % 50,1 % +13,7
NQ 5 Min 2.931 58,1 % 50,1 % +8,7
NQ 15 Min 2.933 63,7 % 50,3 % +15,1

Die Behauptung stimmt wörtlich, in jedem Markt, mit t-Werten weit über der Signifikanzschwelle von |t| ≥ 2. Konditional: Nach positiver Kerze schließt der Tag in 61,4 bis 68,1 % positiv, nach negativer Kerze in 52,9 bis 59,3 % negativ. Die Übereinstimmung steigt mit der Kerzenlänge — 5 → 10 → 15 Minuten —, und genau das ist der erste Hinweis auf den Mechanismus: Je größer der Anteil der Kerze am Tag, desto öfter „stimmt" die Richtung.

2. Die handelbare Frage: der Tag ab Kerzenende

Rest = Close nach N Minuten → Session-Close. Das ist die Strecke, die ein Trader nach der Kerze noch bekommen kann. Dieselbe Rechnung, derselbe Benchmark.

Markt Fenster Rest-Übereinstimmung erwartet t Ø Rest nach K+ Ø Rest nach K−
DAX 5 Min 51,0 % 49,9 % +1,2 +3,7 bp −1,6 bp
DAX 15 Min 50,5 % 49,9 % +0,6 +1,6 bp +0,5 bp
FTSE 5 Min 50,7 % 50,0 % +0,7 +2,4 bp −0,6 bp
FTSE 15 Min 50,6 % 50,0 % +0,6 +2,2 bp −1,7 bp
Dow 5 Min 49,6 % 50,2 % −0,7 +1,1 bp +2,7 bp
Dow 15 Min 50,3 % 50,1 % +0,2 +2,5 bp +2,5 bp
NQ 5 Min 51,3 % 50,1 % +1,3 +5,2 bp +0,2 bp
NQ 15 Min 52,6 % 50,3 % +2,5 +7,5 bp −1,7 bp

Alles kollabiert auf Münzwurf. Elf von zwölf Markt-Fenster-Zellen liegen bei |t| < 2, die Rest-Übereinstimmung zwischen 49,6 und 52,6 %. Der mittlere Rest-Return unterscheidet sich zwischen positiver und negativer Kerze um wenige Basispunkte — auf dem Dow nach einer negativen 15-Minuten-Kerze exakt so viel wie nach einer positiven (+2,5 bp beide). Die 58 bis 64 % aus Abschnitt 1 waren die Kerze, die sich selbst bestätigt.

Dass die Trefferquoten auch beim Rest leicht über 50 % liegen, ist kein Rest-Effekt, sondern der Long-Bias: Der mittlere Rest ist in fast allen Zellen positiv, unabhängig von der Kerzenfarbe. Warum der Intraday-Drift insgesamt trotzdem nicht handelbar ist, steht in unserer Studie zum Overnight-Drift — dort auch die Basisraten, aus denen der Benchmark hier gebaut ist.

3. Die eine Ausnahme: NQ, 15 Minuten

Die einzige Zelle mit |t| ≥ 2 ist die 15-Minuten-Kerze auf NQ: Rest-Übereinstimmung 52,6 % (t = +2,5), Ø Rest +7,5 bp nach positiver gegen −1,7 bp nach negativer Kerze (t der Differenz = 2,5). Der Zeit-Split zeigt, woher das kommt:

NQ 15 Min n Tage Rest-Übereinstimmung t Ø Rest K+ Ø Rest K−
2015–2020 1.538 50,7 % +0,3 +4,8 bp +0,3 bp
2021–2026 1.395 54,6 % +3,3 +10,4 bp −3,8 bp

Getragen wird der Effekt vollständig von 2021 bis 2026. Das passt zu einem Momentum-Charakter des NQ in dieser Epoche, ist aber eine Zelle aus 36 (vier Märkte × drei Fenster × drei Perioden), in-sample selektiert, ohne Out-of-Sample-Test. Über alle 36 Zellen erreichen vier |t| ≥ 2 — neben den beiden NQ-15-Minuten-Zellen noch NQ 10 Minuten 2021–2026 (52,8 %, t = +2,0) und FTSE 10 Minuten 2015–2020 (53,1 %, t = +2,5); die FTSE-Zelle fällt in 2021–2026 auf 48,5 % (t = −1,3) zurück. Wir führen NQ-15 als suggestiv, nicht als Befund.

Der Dow zeigt seit 2021 eher das Gegenteil: Nach negativer erster Kerze ist der Rest im Mittel positiv (+5,3 / +4,7 / +4,7 bp für 5/10/15 Minuten, Rest-Übereinstimmung 48,1 bis 49,6 %, keine Zelle signifikant). Das ist mit Dip-Buying vereinbar und mit dem Long-Vorteil des Dow aus der Drift-Studie — aber ebenfalls nicht belastbar.

4. Was daraus folgt

„Die erste Kerze bestimmt den Tag" ist Beschreibung, nicht Prognose. Der Satz beschreibt korrekt, dass ein Tag, der mit +0,3 % beginnt, häufiger positiv endet als einer, der mit −0,3 % beginnt — weil die +0,3 % schon drin sind. Über die verbleibenden Stunden sagt die Kerze nichts. Wer die Kerzenfarbe als Richtungsfilter für den Rest des Tages nutzt, filtert Rauschen.

Dieselbe Struktur haben wir schon an einem anderen Muster gefunden: Die Pin Bar in den ersten fünf Minuten ist ein reiner Proxy für den Kursstand nach fünf Minuten; die Form trägt keine eigene Information. Kerzenmuster am Open sind Zusammenfassungen dessen, was bereits passiert ist.

Was Richtungsinformation liefert, ist nicht die Farbe der Kerze, sondern ihr Bruch: Das Über- oder Unterschreiten des Kerzenextrems, gemessen als Ereignis mit Stop und Exit — siehe die Trend-Tag-Detektion über die zweite Eröffnungskerze. Der Unterschied ist nicht kosmetisch. Die Farbe ist zu Kerzenende bekannt und kostenlos; der Bruch ist ein Preis, den der Markt danach bezahlen muss.

Methodisch bleibt die Lehre: Jeder Vergleich, bei dem der Prädiktor ein Teil des Ziels ist, ist mechanisch signifikant. t-Werte von 9 bis 15 haben uns hier nichts über den Markt erzählt, sondern über die Überlappung zweier Intervalle. Der Benchmark muss die Überlappung entfernen, sonst misst man Arithmetik.

5. Grenzen

  • Reine Preisstatistik. Keine Trades, keine Stops, keine Kosten. Ein Rest-Return von wenigen Basispunkten wäre nach Spread ohnehin nicht handelbar.
  • CFD-Sessions. Session-Definition über lokale Uhrzeit, keine Börsen-Auktionspreise; Tage mit Datenlücken im ersten Fenster verworfen, |Tagesreturn| > 10 % als Datenfehler ausgeschlossen, Dojis (Kerze exakt 0) aus den Konditionalraten herausgenommen.
  • NQ-15-Minuten-Zelle in-sample selektiert, kein Out-of-Sample-Test; vier von 36 Zellen über |t| ≥ 2 ist bei dieser Zahl an Tests kein starkes Signal.
  • Nur die Richtung getestet. Nicht getestet: Kerzengröße relativ zur Tagesrange, Kombination mit Gap oder Pre-Open-Bewegung, Kerzen anderer Fenster (30 Minuten, 60 Minuten).
  • Vier Indizes. FX und Rohstoffe nicht enthalten.