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Research/ Studien
Kein Edge8 Min. Lesezeit · 2026-09-03

Die Doji-Falle im 2-Minuten-Chart: gefangene Verkäufer oder nur Rauschen?

Märkte
DAX FTSE
Zeitraum
2015–2026
Stichprobe
27.425 Muster / 256.111 Benchmark
Kosten
netto, Spread + Slippage
Doji-Muster gegen Benchmark je Jahr — die beiden Reihen laufen elf Jahre lang zusammen
Doji-Muster gegen Benchmark je Jahr — die beiden Reihen laufen elf Jahre lang zusammen
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Datenbasis: DAX und FTSE, 2-Minuten-Kerzen aus M1-Daten, nur Cash-Session, 2015 – 2026 (2.933 bzw. 2.927 Handelstage, rund 745.000 Kerzen je Markt). Muster: 27.425 Episoden in der Hauptvariante, Benchmark 256.111. Exit: Trailing-Stop BE 0,5 / TS 1,0 / Schritt 0,5, flat zum Cash-Close; Halten bis Session-Ende als Referenz. Netto nach Spread und Slippage (Kostenannahme 2,5 Punkte DAX, 1,5 Punkte FTSE), Standardfehler tages-geclustert. Lookahead-frei: Doji und Gegenfarb-Kerze stehen mit deren Schlusskurs fest, der Trigger liegt danach. Keine Handelsempfehlung.

Die Beobachtung kam vom Chart, nicht aus einer Tabelle. Auf dem 2-Minuten-Chart des FTSE bildet sich ein Doji — Eröffnung und Schluss praktisch auf einem Niveau, der Markt hat kurz einen fairen Preis gefunden. Dann eine schwarze Kerze, die unter das Tief des Dojis verkauft. Und dann bricht der Kurs über das Hoch dieser schwarzen Kerze. Die Lesart ist verführerisch: Die Verkäufer haben den Bruch nach unten versucht, er ist gescheitert, jetzt sitzen sie in der Falle und müssen eindecken. Long, Stop unter das Muster. Spiegelbildlich Short.

Am Beobachtungstag hat das zweimal funktioniert. Beide Male sauber, beide Male mit Anschlussbewegung. Genau deshalb haben wir es gemessen, bevor es zur Regel wird.

1. Das Muster gegen seinen eigenen Benchmark

Der wichtigste Teil des Tests ist nicht das Muster, sondern die Vergleichslinie. Wir haben dieselbe Konstruktion — Gegenfarb-Kerze, Stop-Order an ihrem Extrem, Stop am anderen Ende — an jeder Gegenfarb-Kerze der Session gerechnet, ohne Doji davor. Wenn der Doji Information trägt, muss die Differenz zwischen den beiden Zeilen sie zeigen.

Variante (Hauptfall: Doji-Body ≤ 10 %, Trigger innerhalb 3 Kerzen) n avgR t (geclustert) Trefferquote
Doji-Muster, Trailing-Exit 27.425 −0,186 −31,2 26,8 %
Benchmark ohne Doji, Trailing-Exit 256.111 −0,184 −79,6 27,1 %
Doji-Muster, Halten bis Session-Ende 27.425 −0,172 −8,9 13,4 %
Benchmark ohne Doji, Halten bis Session-Ende 256.111 −0,176 −17,7 13,5 %

Beide Zeilenpaare sind deckungsgleich. Das Muster verliert netto knapp 0,19 R pro Trade, und der Benchmark, der den Doji gar nicht kennt, verliert dasselbe. Auch der Profitfaktor ist identisch (0,62 gegen 0,62).

Die Aufteilung nach Markt und Richtung ändert nichts:

Markt / Seite n avgR t Benchmark
DAX Long 6.928 −0,124 −10,4 −0,139 (n=130.133)
DAX Short 6.834 −0,155 −12,9 −0,139
FTSE Long 6.773 −0,233 −19,7 −0,229 (n=125.978)
FTSE Short 6.890 −0,235 −20,4 −0,229

Der Stop am Doji-Extrem statt am Extrem der Gegenfarb-Kerze macht es deutlich schlimmer: −0,596 R (t = −118,6) bei nur 13,0 % Trefferquote. Nach dem Bruch des Doji-Tiefs liegt dieser Stop so nah am Einstieg, dass ihn das normale 2-Minuten-Rauschen reißt.

2. Die Differenz vor Kosten

Man könnte einwenden, dass die Kosten alles überdecken und ein realer Vorsprung des Musters darunter verschwindet. Also dieselbe Rechnung ohne Kosten, mit tages-geclustertem Standardfehler auf der Differenz:

Markt, brutto (Kosten = 0), Trailing-Exit Doji-Muster Benchmark Differenz t
DAX +0,172 (n=13.762) +0,170 (n=130.133) +0,002 +0,2
FTSE +0,139 (n=13.663) +0,150 (n=125.978) −0,011 −1,0

Auch brutto ist da nichts. Die Differenz liegt bei beiden Märkten innerhalb eines Standardfehlers um null. Mit Halten bis Session-Ende dasselbe Bild (DAX +0,005, t = +0,1; FTSE +0,008, t = +0,2).

Wir haben zwölf Definitions-Varianten gerechnet — Doji-Body bis 10 % oder bis 20 % der Range, mit und ohne die Bedingung, dass die Gegenfarb-Kerze das Doji-Extrem tatsächlich durchbricht, Trigger-Fenster 1, 3 oder 5 Kerzen — jeweils mit beiden Stop-Varianten und beiden Exits. In keiner Kombination unterscheidet sich das Muster vom Benchmark. Nach Jahren zerlegt bewegt sich die Differenz zwischen −0,028 und +0,031 R und wechselt mehrfach das Vorzeichen. Nach Tageszeit in 60-Minuten-Buckets liegt sie zwischen −0,027 und +0,053, der Ausreißer stammt aus dem dünnsten Bucket (n = 767). Und die Strenge des Dojis spielt keine Rolle: Ein perfekt flacher Doji (Body 0 %, n = 2.460) liefert −0,238 R, ein Body von 10 bis 20 % (n = 27.353) −0,188 R.

Auf das Fenster ab 2025 beschränkt, in dem die Beobachtung entstand: FTSE −0,218 R gegen Benchmark −0,213 (Differenz −0,005, t = −0,2), DAX −0,065 gegen −0,041 (t = −0,9).

3. Warum das Muster gar nicht leben kann

Die zweite Frage ist, warum beide Zeilen so tief im Minus liegen. Die Antwort steckt in der Größe des Brackets. Der Median-Abstand zwischen Einstieg und Stop beträgt 8,0 Punkte im DAX und 3,5 Punkte im FTSE. Bei einer Kostenannahme von 2,5 bzw. 1,5 Punkten je Roundtrip frisst der Spread 31 % (DAX) bzw. 43 % (FTSE) des Risikos, bevor der Trade überhaupt begonnen hat.

Zerlegt nach Bracket-Größe in Kosteneinheiten:

Bracket / Kosten n avgR t
unter 3× 7.845 −0,278 −24,6
3× bis 6× 15.436 −0,170 −22,0
6× bis 10× 3.342 −0,073 −4,4
10× bis 20× 756 −0,085 −2,6
über 20× 46 +0,078 +0,6

Erst ab einem Bracket von rund sechs Kosteneinheiten nähert sich das Ergebnis der Nulllinie — und diese Fälle sind selten. Das Muster ist strukturell ein Mikro-Break, und Breaks, deren Risiko in der Größenordnung des Spreads liegt, leben nicht. Dass die Simulation mit „nur eine Position gleichzeitig" (rund 3,1 Trades pro Tag) mit DAX −0,129 R und FTSE −0,233 R nichts daran ändert, ist nur noch Bestätigung.

4. Der Simulator-Befund

Der Brutto-Wert des Benchmarks von rund +0,15 bis +0,17 R sieht auf den ersten Blick nach einem Edge der Bracket-Geometrie aus. Wir haben deshalb einen synthetischen Random Walk (30 Ticks pro Minute, 500 Minuten pro Tag, 3.000 Tage) durch exakt dieselbe Rechenkette geschickt, ohne Kosten. Ein Stop-System auf einem Random Walk muss im Erwartungswert null liefern.

Er liefert +0,156 R (n = 131.789, t = +59,6) für den Benchmark und +0,137 R für das Doji-Muster.

Das heißt: Die Kette hat bei kleinen Brackets einen optimistischen Diskretisierungs-Bias von rund +0,15 R, weil Fills exakt am Level angenommen werden und das Bracket nur zwei- bis dreimal so groß ist wie die Minutenvolatilität. Der komplette Brutto-„Vorsprung" auf den echten Daten ist Simulationsartefakt. Für die Studie ist das nicht schlimm — der A/B-Vergleich mit identischem Code bleibt gültig —, aber die absoluten Zahlen aller Tests auf Sub-5-Minuten-Brackets sind ohne einen solchen Anker wertlos. Wer +0,15 R brutto sieht, hat eventuell nur seinen Simulator gemessen.

5. Die Anekdote, die den Test ausgelöst hat

Am Beobachtungstag hat der Code auf denselben Kerzen gerechnet, die das Auge gesehen hatte. Er findet vier Muster in der strengen Variante. Zwei davon sind exakt die beiden, die aufgefallen waren: +1,34 R und +2,04 R mit dem Trailing-Exit. Die beiden anderen, ebenfalls am frühen Morgen, gingen beide mit −1,00 R aus — und waren nicht aufgefallen.

Das ist die Recency- und Survivorship-Falle in Reinform. Das Auge registriert die Muster, die funktioniert haben, weil danach eine Bewegung kam, die man sehen konnte. Die gescheiterten Muster sehen im Nachhinein nicht wie Muster aus. Aus zwei Treffern an einem Tag wird eine Hypothese, aus 27.425 Fällen über elf Jahre wird ein Nullergebnis.

6. Was daraus folgt

Der Doji trägt auf dem 2-Minuten-Chart keine Information über die Folgebewegung. Die Erzählung von den gefangenen Verkäufern lässt sich nicht von der Geometrie eines beliebigen Mikro-Breaks unterscheiden, und dieser Mikro-Break ist nach Kosten tot.

Die allgemeinere Lehre gilt für jede Kerzenbeobachtung auf Sub-5-Minuten-Charts: zuerst gegen den „jede Kerze"-Benchmark stellen, dann den Kostenanteil am Risiko prüfen — die Benchmark-Pflicht aus unserer Methodik-Studie, auf Kerzenmuster angewandt. Wenn der Spread mehr als ein Drittel des Brackets ausmacht, ist die Frage nach dem Muster bereits beantwortet. Das deckt sich mit unserem früheren Befund, dass eine „Trap"-Kerze im Stundenchart nur ein Proxy für den Kursstand ein paar Minuten später ist — die Kerzenform selbst erklärt nichts, was der Schlusskurs nicht schon erklärt.

7. Grenzen

  • In-Sample, keine Out-of-Sample-Trennung. Bei einem Nullergebnis über 27.425 Fälle, alle Jahre und alle Varianten ist das ein schwacher Einwand, aber er gehört hierher.
  • Kein externer Validierungsanker. Das Muster existiert in unserer Episoden-Basis nicht, deshalb wurde eine eigene 2-Minuten-Kette gebaut. Absolute Werte sind nur relativ zum mitgerechneten Benchmark lesbar; der Random-Walk-Anker zeigt einen Bias von rund +0,15 R.
  • Bid-Daten ohne echtes Volumen. Ob Volumen das Muster filtern könnte, haben wir nicht getestet.
  • Kostenannahme fix. 2,5 bzw. 1,5 Punkte je Roundtrip sind Schätzungen; realer Spread in der Eröffnung ist höher, was das Ergebnis weiter verschlechtern würde.
  • Nur DAX und FTSE, nur Cash-Session. Drei der vier Muster des Beobachtungstages lagen vor der Cash-Eröffnung und damit außerhalb des getesteten Fensters.
  • Nicht getestet: Doji-Definitionen über Volumen oder Kontext (Tageshoch/-tief, Vortagesniveaus), höhere Zeitrahmen als 2 Minuten, diskretionäre Auswahl unter den Mustern.