Serie
Research/ Studien
Gemessen9 Min. Lesezeit · 2026-08-25

Price Action beim Breakout: Zählt die Kerzenform — oder nur der Schlusskurs?

Märkte
10 Märkte
Zeitraum
2015–2026
Stichprobe
103.182 Trades · 7,6 Mio Breaks
Kosten
netto (Episoden-Basis)
Auf dieser Seite

Datenbasis: Zwei Grundgesamtheiten. (A) Breakout-Datensammlung: jede 5-, 10- und 15-Minuten-Kerze der Session als Referenzkerze, beide Bruchrichtungen, Stop am anderen Kerzenende, stumpfer Exit ohne Trailing; Gold/FX (XAUUSD, EURUSD, GBPUSD, 4,04 Mio Breaks) und Indizes (DAX, FTSE, NQ, Dow, SPX, 3,56 Mio Breaks); Effekte als Differenz zum Mittel desselben Marktes und Timeframes. (B) Unsere Episoden-Basis: 103.182 Momentum-Trades (Fade-Setups ausgenommen) bzw. 123.193 Trades inklusive Fades, 10 Märkte, 2015–2026, reale Exit-Mechanik (Trailing-Stop BE 0,5 / TS 1,0 / Schritt 0,5 bzw. Halten bei den Runner-Setups), netto nach Spread und Slippage. In-Sample/Out-of-Sample-Split 2022. Kerzenform und Schlusskurslage sind vor dem Bruch bekannt — kein Lookahead. Keine Handelsempfehlung.

Price-Action-Literatur lebt von Kerzenformen. Der Hammer signalisiert Ablehnung, der Doji Unentschlossenheit, der große Body Überzeugung. Die Frage, die wir gestellt haben, ist nicht, ob diese Formen existieren — sie existieren —, sondern ob sie etwas über den Ausbruch aus der Kerze sagen, das nicht schon in einer einzigen Zahl steckt: Wo hat die Kerze geschlossen, relativ zur Seite, die später bricht?

Das ist keine akademische Unterscheidung. Body-Ratio und Schlusskurslage sind stark korreliert; eine Kerze mit großem Körper schließt fast zwangsläufig nahe einem Extrem. Wer die Form roh misst, misst den Schlusskurs ein zweites Mit. Der Test muss die beiden trennen.

1. Form relativ zur Bruchrichtung (Gold/FX)

Die Form wird relativ zur Bruchrichtung gelesen: „Schluss am oberen Rand" ist für einen Long-Break etwas anderes als für einen Short-Break. Die Kennzahl Schlusslage ist 1,0, wenn die Kerze exakt auf der Seite schließt, die später bricht, und 0,0 auf der Gegenseite. Klassen disjunkt, Effekt als Differenz zum Markt-Timeframe-Mittel.

Klasse Definition Δ avgR t
Schluss auf der Bruchseite Schlusslage ≥ 0,75 +0,091 +35,9
Hammer Docht gegen die Bruchseite ≥ 0,45, Body < 0,40 +0,061 +13,3
Doji Body < 0,20 −0,013 −4,6
Stoßer Docht in Bruchrichtung ≥ 0,45, Body < 0,40 −0,068 −14,9
Schluss gegen die Bruchseite Schlusslage ≤ 0,25 −0,100 −38,0

In Quintilen der Schlusslage ist der Effekt perfekt monoton: −0,113 → −0,057 → +0,005 → +0,064 → +0,102. Die Body-Ratio dagegen ist fast irrelevant (−0,014 bis +0,013 über die Klassen). Alle drei Märkte zeigen dasselbe Bild.

Was von der Formenlehre übrig bleibt, ist ein einziger Kontrast: Hammer gegen Stoßer, beide mit gleich kleinem Body, 0,13 R Spanne. Der Docht gegen die Bruchseite ist gut, der Docht in Bruchrichtung schlecht. Auch das ist, genau besehen, eine Aussage über den Schlusskurs: Ein langer Gegen-Docht bei kleinem Body bedeutet, dass die Kerze nahe der Bruchseite schließt.

Für die Indizes lag die Formauswertung in dieser Sammlung zum Messzeitpunkt nicht vor; die Index-Bestätigung kommt aus der zweiten Grundgesamtheit.

2. Body gegen Schlusskurs auf der Episoden-Basis

103.182 Momentum-Trades, reale Exits. Korrelation Body-Ratio ↔ Schlusslage: +0,25; Korrelation Body-Ratio ↔ |Schlusslage − 0,5|: +0,52 — das ist die eigentliche Verwandtschaft. Zuerst die Body-Ratio roh, in Quintilen:

Body-Quintil Ø Body avgR t IS OOS
Q1 (Doji-artig) 0,10 +0,066 +5,0 +0,058 +0,079
Q2 0,29 +0,061 +4,7 +0,044 +0,086
Q3 0,47 +0,043 +3,6 +0,016 +0,085
Q4 0,64 +0,069 +5,8 +0,044 +0,106
Q5 (massiv) 0,84 +0,057 +5,1 +0,046 +0,072

Flach. Kein Gradient, keine Ordnung, IS und OOS ohne gemeinsame Richtung. Jetzt dieselbe Body-Ratio innerhalb der Schlusslage-Klassen:

Schlusslage Body < 0,20 0,20–0,45 0,45–0,70 > 0,70 Spanne t
< 25 % −0,070 −0,156 −0,161 −0,131 −0,061 −1,1
> 75 % +0,157 +0,115 +0,118 +0,098 −0,059 −2,1

Innerhalb der oberen Klasse ist der kleine Body sogar leicht besser als der massive (Spanne −0,059, t = −2,1) — das Gegenteil der Body-Lehre, und knapp an der Schwelle. Der Doji, isoliert betrachtet (n = 20.438, 19,8 % der Trades), liegt bei +0,067 R und zerfällt vollständig entlang des Schlusskurses: Doji mit Schlusslage > 75 % +0,157 (t = +6,0; IS +0,140 / OOS +0,184), Doji mit Schlusslage < 25 % −0,069 (t = −1,4). „Doji" ist keine Klasse. Wo er schließt, ist die Klasse.

3. Was der Schlusskurs tatsächlich trennt — und was nicht

Schlusslage n avgR t IS OOS Ø MFE ≥ 3 R Trefferquote
< 25 % 12.453 −0,115 −9,4 −0,121 −0,105 3,56 42,3 % 29,0 %
25–50 % 18.440 +0,041 +4,4 +0,033 +0,053 3,57 42,5 % 34,5 %
50–75 % 26.529 +0,102 +13,4 +0,076 +0,144 3,38 40,2 % 36,7 %
> 75 % 45.760 +0,135 +24,2 +0,117 +0,162 3,05 36,6 % 38,3 %

Die Spanne zwischen schwächster und stärkster Klasse beträgt 0,25 R und ist in beiden Perioden stabil. Aber die MFE-Spalten (maximaler günstiger Kursverlauf, exit-unabhängig) enthalten die eigentliche Mechanik: Starke Breaks laufen nicht weiter — sie gewinnen häufiger. Der Anteil ≥ 3 R fällt von 42,3 % in der schwächsten auf 36,6 % in der stärksten Klasse, die Trefferquote steigt von 29,0 auf 38,3 %. Der Schlusskurs sagt etwas über die Wahrscheinlichkeit, dass der Break überhaupt trägt, nicht über die Länge des Laufs.

Daraus folgt für den Exit: Der enge Trailing-Stop ist in jeder der vier Klassen die beste Variante (>75 %: eng +0,135, weit +0,106, sehr weit +0,098, Halten +0,108). Ein weiterer Trail für starke Kerzen, wie es die Intuition nahelegt, kostet über alle Klassen 685 → 574 R pro Jahr.

4. Filter heben avgR, nicht automatisch den Ertrag

Der naheliegende Schluss — Breaks gegen die Schlussseite weglassen — funktioniert als Qualitätsfilter und ist gleichzeitig eine Warnung vor der Kennzahl. Gepoolt über alle Setups (erster Break je Setup und Tag, n = 85.343):

Variante n Anteil avgR Summe je Tag IS OOS
Alle ersten Breaks 85.343 100 % +0,074 +0,074 +0,055 +0,102
Nur Breaks zur Schlussseite (≥ 0,50) 59.902 70,2 % +0,112 +0,078 +0,089 +0,147
Nur klare Kerzen (≥ 0,75) 38.200 44,8 % +0,126 +0,056 +0,108 +0,153
Nur Breaks gegen die Schlussseite 25.441 29,8 % −0,016 −0,005 −0,023 −0,006

avgR steigt mit der Schwelle, der Ertrag je Tag nicht: Die klare-Kerzen-Variante hat den höchsten avgR und den geringsten Ertrag. Auf der vollen Basis (123.193 Trades) zeigt die Schwellenreihe dasselbe — R pro Jahr 628 (alle) → 723 (≥ 0,50) → 672 → 587 → 525 → 442 (≥ 0,80), bei avgR 0,061 → 0,104 → 0,119. Und Out-of-Sample schrumpft der Ertragsgewinn der 0,50-Schwelle auf null: 932 R/Jahr gegen 932 ohne Filter. Der Filter macht das Buch OOS effizienter (weniger Trades, gleiche Summe), nicht ertragreicher.

Zwei unserer Setups, die bereits über einen Kompressionsfilter selektieren, reagieren zudem gegenläufig: Dort ist der Break gegen die Schlussseite der bessere. Die Schlusslage ist kein universeller Filter, sondern ein Merkmal, das mit dem Setup-Mechanismus interagiert.

5. Wochentag: sieht signifikant aus, hält nicht

Aus derselben Breakout-Sammlung, Effekt als Differenz zum Markt-Timeframe-Mittel, n je Wochentag 687.000 bis 734.000 (Indizes):

Wochentag Δ avgR t IS OOS
Montag −0,012 −4,3 −0,036 +0,025
Dienstag −0,012 −4,4 −0,031 +0,018
Mittwoch −0,002 −0,5 −0,030 +0,043
Donnerstag +0,032 +10,5 −0,048 +0,161
Freitag −0,006 −2,2 −0,072 +0,098

Donnerstag mit t = +10,5 sieht nach einem Fund aus. Die IS/OOS-Spalten zeigen, was es ist: Alle fünf Wochentage sind In-Sample negativ und Out-of-Sample positiv. Das ist ein Perioden-Effekt — die Breakout-Erträge sind ab 2022 höher —, auf den sich ein Wochentag-Effekt nur draufsetzt, wenn die Periode zufällig ungleich auf die Tage fällt. Gold/FX widerspricht den Indizes obendrein (dort Dienstag +0,030 und Freitag +0,038 vorn, Mittwoch −0,036), und die Markt-Tabelle ist inkonsistent (Dow Donnerstag +0,061, DAX Donnerstag ±0,000). Ein Effekt, der zwischen Anlageklassen den Tag wechselt und innerhalb der Klasse an der Periode hängt, gehört nicht in ein Regelwerk.

6. Was daraus folgt

Kerzenmuster sind Proxys für eine Zahl. Hammer, Doji, Body — alles, was wir messen konnten, kollabiert auf die Lage des Schlusskurses relativ zur Bruchseite. Die Zahl ist vor dem Bruch bekannt, monoton und in beiden Perioden stabil; die Formen darüber hinaus tragen nichts, was |t| ≥ 2 überlebt und gleichzeitig eine eigene Richtung hat.

Der Schlusskurs ist ein Wahrscheinlichkeits-Merkmal, kein Lauflängen-Merkmal. Starke Kerzen erhöhen die Trefferquote und verkürzen den Tail. Wer daraus einen weiteren Stop ableitet, zahlt drauf.

avgR ist die falsche Entscheidungszahl für Filter. Jeder Filter hebt sie. Die Frage ist die Summe je Tag, und die ist OOS beim universellen Filter unverändert. Das ist die gleiche Lehre wie in unserer Edge-Persistenz-Studie: Was nach Fund aussieht, muss die Periode überleben — der Wochentag hat es nicht.

7. Grenzen

  • Zwei Grundgesamtheiten mit verschiedener Exit-Mechanik. Die Breakout-Sammlung (Abschnitte 1 und 5) hat einen stumpfen Exit ohne Trailing und ist mit den Episoden-Zahlen (Abschnitte 2 bis 4) nicht auf Niveau vergleichbar; nur die Struktur innerhalb jeder Tabelle zählt.
  • Formauswertung nur Gold/FX. Die Index-Formklassen fehlten zum Messzeitpunkt; die Index-Aussage stützt sich auf Body-Ratio und Schlusslage der Episoden-Basis.
  • Schwellen in Abschnitt 4 sind In-Sample gewählt; die OOS-Spalte ist die Kontrolle. Die je Setup beste Schwelle haben wir bewusst nicht veröffentlicht — sie ist In-Sample-Auswahl.
  • Wochentag ohne Kalender-Kontrolle. Der Ereignis-Kalender (FOMC, NFP, CPI) lag nicht vor; Wochentag und Ereignisse sind nicht unabhängig.
  • Die Setup-Familie ist unsere. Absolute avgR-Niveaus sind optimistisch; die Unterschiede zwischen Klassen sind das Ergebnis.