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Research/ Studien
Kein Edge7 Min. Lesezeit · 2026-07-06

Fibonacci-Zonen als Prognose — schlagen sie einen Random Walk?

Märkte
DAX FTSE NQ Dow
Zeitraum
2015–2026
Stichprobe
26.795 Sequenzen
Kosten
netto (Pullback-Einstiege)
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Datenbasis: DAX, FTSE, NQ, DOW, M5-Kerzen aus M1-Daten, 2015–2026, 26.795 aktivierte Sequenzen (Doppelboden und gespiegelter Doppeltop), 13.635 Pullback-Einstiege, 17.862 Run-Enden. Horizont 24 h, Sequenzen nicht überlappend. Benchmark: driftfreier Random Walk, p = d(Stop) / (d(Stop) + d(Ziel)). Pullback-Einstiege netto nach Spread und Slippage. Lookahead-frei: Aktivierung per fertigem Close. Keine Handelsempfehlung.

Fibonacci-Extensions gehören zu den am weitesten verbreiteten Werkzeugen der Chartanalyse. Die Behauptung dahinter ist eine Prognose: Nach einer Struktur — hier ein Doppelboden mit Zwischenhoch — hat der Preis eine erhöhte Neigung, bestimmte Vielfache des ersten Legs zu erreichen, und die Zone 1,618 bis 2,0 gilt als „Terminal-Zone", in der Bewegungen enden.

Das Problem an solchen Behauptungen ist, dass sie fast immer ohne Benchmark auftreten. „Der Preis hat 1,618 in zwei Dritteln der Fälle erreicht" klingt nach einer Aussage über Fibonacci. Es ist zunächst nur eine Aussage über Distanzen: Wie oft ein Level vor einem anderen erreicht wird, hängt davon ab, wie weit beide entfernt sind — auch ohne jede Marktstruktur.

Wir haben die Regel deshalb gegen den einzigen fairen Vergleich gestellt: einen driftfreien Random Walk mit denselben Distanzen.

1. Die Konstruktion

Ein Doppelboden ist mechanisch definiert: zwei Swing-Tiefs auf ähnlichem Niveau (Toleranz 25 % der Leg-Höhe), ein Zwischenhoch dazwischen, Abstand 3 bis 60 M5-Kerzen, Leg mindestens das Dreifache der Median-Kerzenrange. Der Leg läuft vom Tief (0) zum Zwischenhoch (1,0). Aktivierung ist der erste M5-Close über dem Zwischenhoch. Doppeltops werden gespiegelt mitgetestet.

Drei Tests:

  • A) Magnet: Erreicht der Preis nach Aktivierung die 1,618-Extension, bevor er unter das Doppelboden-Tief fällt?
  • B) Pullback-Einstieg: Nach Aktivierung Rücklauf auf 0,5 des Legs, Long dort, Stop am Tief, Ziel 1,618.
  • C) Terminierung: Wo endet der maximale Run? Dichte je 0,1-Leg-Band.

Der Benchmark für A und B: Ein Random Walk ohne Drift, der zwischen einem Stop und einem Ziel startet, erreicht das Ziel zuerst mit Wahrscheinlichkeit p = d(Stop) / (d(Stop) + d(Ziel)). Diese Größe wird für jede Sequenz aus ihrer tatsächlichen Geometrie berechnet und gemittelt. Nur eine Trefferquote über diesem p wäre ein Fibonacci-Effekt.

2. Test A: Der Magnet ist schwächer als der Zufall

Markt Sequenzen 1,618 vor Tief-Bruch Random Walk t 2,0 erreicht
DAX 6.824 67 % 71 % −6,3 52 %
FTSE 6.878 66 % 70 % −6,5 53 %
NQ 6.391 67 % 71 % −7,5 52 %
DOW 6.702 67 % 71 % −6,7 53 %
Gepoolt 26.795 67 % 71 % −13,5

Die Fibonacci-Trefferquote ist auf jedem der vier Märkte um vier Prozentpunkte niedriger als die Random-Walk-Erwartung, jedes Mal mit |t| > 6, gepoolt t = −13,5. Das ist kein Grenzfall. Der Preis erreicht die 1,618-Extension seltener, als es ein Zufallspfad mit denselben Distanzen täte.

Die 67 % sind dabei kein Beweis für einen Magneten. Sie sind fast vollständig Geometrie: Nach der Aktivierung steht der Preis bereits über dem Zwischenhoch, das Tief ist weit weg, die 1,618-Marke vergleichsweise nah. Das Random-Walk-p von 71 % zeigt, dass das Ziel im Mittel das nähere Level ist. Ein „Magnet", der seltener trifft als der Zufall bei gleicher Distanz, ist keiner.

Ein Detail stützt das Ergebnis eher, als es zu schwächen: Der 24-h-Horizont zählt nur Sequenzen, in denen eines der beiden Level erreicht wurde. Diese Abschneidung begünstigt das nähere Level — also im Mittel das Ziel. Trotz dieses Vorteils liegt die Trefferquote unter dem Benchmark.

3. Test B: Der 0,5-Pullback ist ein fairer Münzwurf

Markt Einstiege Win-Rate Random Walk avgR
DAX 3.459 35 % 34 % +0,03
FTSE 3.535 35 % 36 % −0,03
NQ 3.232 36 % 35 % +0,04
DOW 3.409 36 % 34 % +0,05
Gepoolt 13.635 35,5 % 34,8 % +0,020 (t = +1,8 auf die Win-Rate)

Der klassische Einstieg — warten auf den Rücklauf zur Hälfte des Legs, Stop unter dem Tief, Ziel 1,618 — trifft in 35,5 % der Fälle. Der Random Walk mit derselben Geometrie käme auf 34,8 %. Die Differenz von 0,7 Prozentpunkten liegt bei t = +1,8, unter der Signifikanzschwelle |t| ≥ 2. Nach Kosten bleiben +0,020 R je Trade, auf dem FTSE negativ.

Das Bracket hat ein Chance-Risiko-Verhältnis von etwa 2,2 zu 1 (Ziel 1,118 Leg-Einheiten gegen Risiko 0,5). Bei einer Win-Rate, die dem Zufall entspricht, ist der Erwartungswert eines solchen Brackets per Konstruktion null; die kleine positive Abweichung reicht gerade, um die Kosten zu decken. Das ist das Ergebnis, das man von einem Setup ohne Informationsgehalt erwartet.

4. Test C: Wo Runs enden — keine Terminal-Zone

Wenn 1,618 bis 2,0 eine Zone ist, in der Bewegungen typischerweise auslaufen, müsste die Dichte der Run-Enden dort einen Buckel zeigen. Wir haben für 17.862 Sequenzen gemessen, wie weit der maximale Run ging, bevor das Tief gebrochen wurde oder der Horizont endete.

Band (Leg-Einheiten) Anteil Band Anteil
1,0–1,1 2,9 % 1,6–1,7 6,7 %
1,1–1,2 8,2 % 1,7–1,8 5,9 %
1,2–1,3 9,6 % 1,8–1,9 5,3 %
1,3–1,4 9,5 % 1,9–2,0 4,8 %
1,4–1,5 8,7 % 2,0–2,1 4,4 %
1,5–1,6 7,7 % 2,5–2,6 2,8 %

Die Verteilung hat ein Maximum bei 1,2–1,3 und fällt danach monoton ab. Von 1,6 bis 2,0 sinkt der Anteil je Band von 6,7 % auf 4,8 %, ohne jede Unregelmäßigkeit. Die Zone 1,618–2,0 ist nicht der Ort, an dem Runs enden — sie ist ein Abschnitt einer glatt fallenden Kurve, die beschreibt, dass lange Runs seltener sind als kurze. Das gilt für jede Preisreihe, auch eine zufällige.

Das erste Maximum ist ebenfalls Geometrie, kein Fund: Ein Run muss die Aktivierung (1,0) überschritten haben, um überhaupt gezählt zu werden, und die häufigste Fortsetzung eines Breaks ist eine kurze.

5. Was daraus folgt

In allen drei Tests liefern die Fibonacci-Zonen nichts, was die Distanzgeometrie nicht schon vorgibt. Der Magnet trifft seltener als der Zufall, der Pullback-Einstieg ist ein Münzwurf mit Kostendeckung, und die Terminal-Zone existiert in der Verteilung nicht.

Das ist keine Aussage darüber, dass Fibonacci-Trader nicht profitabel sein können. Es ist eine Aussage darüber, wo ihr Edge nicht herkommt: nicht aus den Levels. Wer mit Fibonacci-Zonen Geld verdient, verdient es mit etwas anderem — Kontext, Timing, Risikomanagement —, und die Zonen sind dabei ein Koordinatensystem, keine Prognose.

Der methodische Punkt ist der wichtigere. Eine Trefferquote ohne Benchmark ist keine Information. 67 % klingt nach einem Fund, bis man weiß, dass die reine Geometrie 71 % erwarten ließe. Dieser Vergleich — Random Walk mit denselben Distanzen — ist bei uns Pflicht für jede Level-Behauptung, und die Fibonacci-Regel ist ein sauberes Beispiel dafür, warum. Sie ist auch nicht das einzige Muster, das so endet: Die 1h-Pin-Bar verhält sich gegen ihren Benchmark exakt wie eine beliebige Kerze.

6. Grenzen

  • Eine mechanische Doppelboden-Definition. Fraktal-Flügel 3, Toleranz 25 %, Abstand 3–60 Kerzen, Leg ≥ 3× Median-Range. Diskretionäre Fibonacci-Anwender zeichnen anders und selektiver. Getestet wurde die Regel, nicht das Auge.
  • Nur 1,618 und 2,0 als Ziele, nur 0,5 als Einstieg. Andere Ratios (1,272, 0,618) wurden nicht getestet. Bei einem Magneten, der auf allen vier Märkten unter dem Zufall liegt, ist ein verborgener Effekt bei einem anderen Ratio unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.
  • Random Walk ohne Drift und ohne Vola-Struktur. Der Benchmark ist bewusst einfach. Ein Modell mit Intraday-Vola-Profil würde die Erwartung leicht verschieben — in welche Richtung, ist nicht gemessen.
  • M5-Diskretisierung, Fills exakt am Level. Absolute R-Werte solcher Bracket-Simulationen haben einen kleinen Bias; belastbar ist der Vergleich gegen den Benchmark mit identischer Konstruktion, nicht der Absolutwert +0,020 R.
  • 24-h-Horizont. Sequenzen ohne Auflösung in 24 h zählen in Test A nicht. Die Richtung dieses Bias ist zugunsten des näheren Levels, also zugunsten der Hypothese.
  • In-Sample. Es gab keinen zu optimierenden Parameter im Sinne einer Suche, aber die Definition wurde vor dem Test festgelegt und nicht out-of-sample geprüft.